Glanzparade

Unterm Strich

Nach der unnötigen 1:2-Niederlage gegen Grödig gehen die Durchhalteparolen in Graz weiter. Gebetsmühlenartig ist man bemüht zu kalmieren und zu bekunden, wie konsequent der Weg weitergegangen wird, wie gut alles geplant sei, dass das Scouting bestens funktioniere und dass sich sowieso alle wohlfühlen.

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© Sturm12.at

Eigentlich sollte nach so einer Partie von Aufbruchsstimmung die Rede sein. Doch die extrem sinnlose Niederlage gegen müde Grödiger stiftet wieder dazu an, negativere Schlussfolgerungen zu ziehen. Schade, denn was die Mannschaft über weiter Strecken bot, war wahrscheinlich zu den besseren Auftritten der letzten Zeit zu zählen. Um jedoch Missverständnissen vorzubeugen – Sturm hat das Spiel nicht in den letzten 10 Minuten verloren, sondern in jenen 80 Minuten in denen man verabsäumte, durchaus verdient gewesene Tore zu erzielen. Da, wo man eigentlich lauffreudig agierte, dominant wirkte, gut verteidigte, den Gegner früh und effektiv im Spielaufbau störte und auch in der Offensive die ein oder andere schöne Situation herauskombiniert hat. Doch in letzter Instanz war Sturm nämlich genau wieder jenes Sturm, das man aus der Vergangenheit kannte – ineffektiv.

Hätte man zumindest einen Punkt aus Salzburg mitgenommen, wären die punktuellen Verbesserungen im Fokus der Nachbetrachtung gestanden. Doch wenn man durch diverse Foren und Sportmedien durchscrollt, merkt man, dass die Fans kaum noch Lust haben sich weiter vertrösten zu lassen. Sturm manövriert sich langsam aber sicher in eine äußerst unangenehme Fansituation, die natürlich den nächsten finanziellen Engpass vorprogrammiert. Dass der Aboverkauf nicht besonders vorteilhaft verlaufen wird, war abzusehen. Zu sehr sind die Sturmfans in den vergangenen Monaten enttäuscht worden. Zu sehr kommt es mittlerweile darauf an, was unterm Strich steht. Und das liest sich derzeit wie folgt:

• Sturm hat die befürchteten null Punkte nach den ersten beiden Runden auf der Habenseite stehen. Das wäre an und für sich kein Drama, würde die Mannschaft und auch der Anhang Erfolgserlebnisse nicht wie einen Bissen Brot brauchen. Dass es glücklichere Auftaktlose gibt, als zwei Auswärtspartien beim euphorisierten Aufsteiger aus Vorarlberg und den motivationsgeladenen Euroleague-Startern aus der Salzburger Vorstadt, steht auf einem anderen Blatt Papier.

• Es ist schon verständlich, dass man einen Nikola Vujadinovic ob zu hoher Gehaltsforderungen nicht halten konnte/wollte. Auch der Abgang eines in (Über)Form befindlichen Florian Kainz schmerzt. Ob Robert Beric dem Sturmspiel fehlt, wird sich weisen. Dass bisher relativ mau nachbesetzt wurde, trägt auch nicht unbedingt zur Stimmungssteigerung bei. Dass Lukas Spendlhofer noch Freude bereiten kann, hat man in Ansätzen schon gesehen. Dass Stankovic ein guter Kicker ist, weiß man, ob er eine strategische Nachbesetzung war, wage ich zu bezweifeln. Dass Barbaric schon in der zweiten Bundesligarunde nur auf der Bank sitzt und Piesinger, trotz ungeheuerlicher Größe kein Kopfballungeheuer ist, verwundert. Und dass Sharifi durchaus Erfreuliches zu leisten im Stande ist, muss man sich aufgrund seiner bedauerlichen Kreuzbandverletzung bis ins Frühjahr hinein merken. Zudem wird man bei Globetrotter Tadic einfach noch abwarten müssen. Frimpong und Akiyoshi dürfen weiter mittrainieren, entzweien aber die Gemüter. Es fragt sich halt schon wo unser ausgefeiltes Scoutingnetzwerk war, als es um die Agenden Falk, Reyna, Schütz, Tschernegg, Spiridonovic, Elsneg, Lainer, Wernitznig, Seidl oder Knasmüllner ging?

• In der Pause stand General Gerhard Goldbrich mit schmucken Glitzergürtel und breiter Brust vor der ORF-Kamera und sprach selbstbewusst vom jungen Weg: „Bei Robert Beric ist es so passiert,“ meinte der Generalmanager dann auch bei Sky zu dessen Abgang. Dass Beric nur wenige Tage nach seinem ersten Training bei Rapid kundtat, dass Sturm so “eine Geschichte für sich” sei und er “schon nach zwei Monaten zu Rapid gegangen wäre”, spricht so ganz und gar nicht dafür, dass es einfach „so passiert“ wäre. Auch Kapitän Madl haute im Interview mit der Kleinen Zeitung auf den Putz, Anel Hadzic fühlt sich, nach einem WM-Einsatz gegen den Iran, zu Höherem berufen, Flo Kainz ging zu seinem „Wunschverein“. Und man erinnere sich auch noch gut an Benedikt Pliquetts „Sturm steht sich leider in allen Belangen selber im Weg“. Alles gut, aber wo sind die Zeiten geblieben, wo es hieß, wie toll es nicht wäre Teil von Sturm Graz zu sein, wie familiär, kollegial es hier abginge. Alles nur blutleeres Gefasel, weil damals die Gehälter gestimmt hatten? Oder ist derzeit wirklich sehr viel faul im Staate Dänemark?

• Das Fantum scheint ausgehungert und müde zu sein. Müde von den Niederlagen, müde von den monatelangen Durchhalteparolen, müde von der Müdigkeit. Schon im Frühjahr sinnierte Kollege Pucher über die frustrierende Emotionslosigkeit im Falle von Niederlagen – das Schlimmste was einem Fußballfan passieren kann. Und diese ist mittlerweile weit verbreitet, was sich auch in Kartenverkäufen niederschlägt.

• Dass darüberhinaus auch noch Retortenvereine mit aufklappbaren Tribünen und vormals finanziell weit schlechter aufgestellte Teams nicht nur zu Europacupehren (auch Dank Sturm Graz) kommen, sondern auch spannende Transfers (siehe oben) an Land ziehen, dann auch noch international reüssieren und Sturm somit zur Randnotiz verkommt, ist natürlich extra bitter.

Ich denke, dass Sturm am Wochenende vor sehr wenigen Besuchern sein erstes Heimspiel der neuen Saison austragen wird. Ich denke auch, dass Sturm Wiener Neustadt besiegen wird können. Ich denke, dass man abermals eine Leistungssteigerung erwarten darf, dass aggressiv und konzentriert agiert wird. Sollten allerdings keine Punkte gegen das Tabellenschlusslicht drinnen sein, muss man sich vor den nächsten Wochen fürchten: Die Spiele im Happel-Stadion gegen Rapid, das Heimspiel gegen die Austria, das Südderby gegen den WAC und der schwere Gang zum Brauseverein aus Salzburg stehen an. Danach ist Ende August und eine desaströse Punktezahl könnte ins Haus stehen. Und die wäre unterm Strich für alle Beteiligten nicht mehr argumentierbar.