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Stimmen zum Spiel

Grazer Gastfreundschaft

Der Hamburger SV kam vorbei und der SK Sturm überreichte höflich zwei Gastgeschenke. Testpilot Frimpong überzeugte kaum, Neuzugang Akiyoshi gefiel und die junge Garde empfahl sich für Pflichtspiel-Einsätze.

“Und wenn du willst nehm’ ich dich mit auf meinem Rollercoaster”, singt Julian Le Play in seinem neuesten Hit, den ein österreichischer öffentlich-rechtlicher Radiosender derzeit rauf und runter spielt. Und zumindest diese Zeile aus dem (Liebes-)Song passt momentan zum SK Sturm. Bereits jetzt sollte klar sein: Auch die noch junge Saison könnte zu einer Achterbahnfahrt mutieren. Zu der lädt die Mannschaft Fans, Journalisten und das sooft erwähnte Umfeld ein.

Oder ist das alles nur Schwarzmalerei? Das gestrige Testspiel gegen den Hamburger SV, seines Zeichens deutscher Erstligist und Fast-Absteiger in der vergangenen Saison, ging mit 0:2 verloren. Obwohl die Jungs vom HSV ein intensives Training hinter sich haben. Obwohl Sturm sporadisch guten Fußball gezeigt und Chancen kreiert hat. Obwohl vor allem die jungen Spieler, die in der zweiten Halbzeit am Feld standen, aggressiv und engagiert zu Werke gingen. Einfach, weil man wiederum zu billig die Tore kassiert hat und damit “Geschenke gemacht hat”, wie Darko Milanic sagt. Und das ist es auch, was den Slowenen unheimlich stört. Es stößt dem Trainer sichtlich auf, dass auch dieses Spiel aufgrund vermeidbarer Fehler verloren ging. Exakt das gleiche war bereits am vergangenen Sonntag gegen den SV Grödig zu beobachten. Bis zur 80. Minute stellte Sturm die bessere Mannschaft, stand hoch, attackierte früh, kreierte richtig gute Torchancen und spielte mit Zug zum Tor. Und dann passierten “scheiß Fehler” und Milanic platzte nach Spielende verbal der Kragen.

Es stellt sich die Frage, warum solche gravierenden und entscheidenden Fehler passieren. Gegen Grödig kam die Trendwende mit Spielende, gegen den HSV kurz vor der dem Halbzeitpfiff. Eine mentale Schwäche?

Anel Hadzic meint, man habe gestern an die gute Leistung in Grödig anknüpfen können. Aber: “Dann haben wir uns das Leben wieder selber schwer gemacht mit blöden Toren”. Nächste Paralelle zum Spiel gegen Grödig.

Gewechselt hat Milanic viel. Dass sich das auf den Spielfluss auswirkt, ist ein Faktum. Deswegen habe man aber nicht verloren, bemerkt Hadzic, denn immerhin ist der Hamburger SV nicht irgendwer, sondern deutscher Erstligist.

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In Halbzeit zwei wechselte Milanic kräftig durch und schickte die junge Garde aufs Feld. Einzig Pliquett, Daniel Offenbacher und Neuzugang Taisuke Akiyoshi blieben an arrivierten Spielern am Feld, auch der neu verpflichtete Lukas Spendlhofer durfte sich in der Innenverteidigung beweisen. Die Jungspunde zeigten beherzten Einsatz, spielten engagiert und aggressiv. Klarerweise waren Abstimmungsprobleme zu beobachten, vor allem in der Defensive ließen sich die Spieler zu oft überspielen. Doch bei jedem Ballverlust und jedem Fehler versuchten sie im Verbund, die Situation zu klären. Klar ist auch, dass die gestandenen Spieler aus Halbzeit eins mit Testspielcharakter Fußball spielten und die Jungen um einen Platz im kommenden Kader gegen Wiener Neustadt. Schön zuzusehen war es trotzdem. Vor allem der erst 16-jährige Sandi Lovric wusste neuerlich mit starken Antritten und Einlagen zu begeistern. Ihn nun aber herauszupicken, wäre ein Fehler. Auch seine jungen Kollegen haben “voll gekämpft” und “einige gute Aktionen” gezeigt, vermerkt Milanic. Der Trainer sah aber auch einige Fehler, aus denen die Spieler noch lernen müssen. Fehler, mit denen auch die arrivierten Spieler zuletzt nicht gerade geizten.

Auch Anel Hadzic lobt seine jungen Kollegen, die “sehr brav gekämpft” und immerhin ihre Halbzeit zu null gespielt hätten. Angesichts der wiederholt anständigen Leistung der Youngsters, sieht Hadzic die Jugendarbeit des Vereins bestätigt. „Man sieht, das von unten was nachkommt.“

Die Torchancen in Grödig wären laut Hadzic hochkarätiger gewesen. Es folgt eine etwas eigentümliche Spiel-Bilanz.

Wir halten fest: In einem sehr guten Spiel ist Sturm in der ersten Halbzeit nichts gelungen.

Auch Neuzugang Akiyoshi stand am Spielfeld und war im offensiven Mittelfeld zu finden. Der Japaner ordnete sich vorwiegend rechts, aber auch zentral vor der Defensive ein und zeigte einige gute Aktionen. Pressesprecher Alexander Fasching bestätigte gestern, dass der Japaner einen Vertrag über ein Jahr unterschrieben hat. Milanic sieht ihn allerdings nicht in der Rolle eines defensiven Mittelfeldspielers, sondern eine Reihe weiter vorne beheimatet.

Testpilot Emmanuel Frimpong durfte sich in Halbzeit eins als Sechser beweisen, segelte allerdings keineswegs in alter “Dench”-Manier durch die Luft. Seine Leistung war okay – nicht mehr und nicht weniger. Ankreiden lassen muss er sich, dass Tor Nummer eins mit auf seine Kappe geht. Dass er vor seinem Testengaggement an der Mur vier Monate lang kein Pflichtspiel absolviert hat, ist ihm anzumerken. Seine körperlichen Defizite waren nicht zu übersehen, was für Trainer Milanic ohnehin klar ist.


“Dench” hat sich nach dem Schlusspfiff via Twitter zu Wort gemeldet:


Benedikt Pliquett, der bei seinem ganz persönlichen „Derby“ 90 Minuten lang im Tor stand, freute sich vor allem über die Leistung der jungen Spieler.

Für den Hamburger, der in den letzten Wochen wegen eines Bänderrisses im rechten Knöchel außer Gefecht war, war es in persönlicher Hinsicht ein gelungener Test. „Ich habe gemerkt, dass alles hält und sich alles gut anfühlt“, so Pliquett.

Bereits am kommenden Samstag steht das nächste Pflichtspiel am Programm. Da Pliquett wieder fit ist, stellt sich Frage nach der Nummer eins im Tor. Wie denn die Chancen im Kampf im den Grazer Kasten stehen, meint der Hamburger: “Da sage ich lieber nichts dazu.”

akiyoshi_kopfballBis zum nächsten Pflichtspiel bleibt also nicht viel Zeit. Lediglich zwei Trainingseinheiten wird es bis dahin noch geben, erklärt Milanic. Er wisse, was für ein Gegner mit Wiener Neustadt nach Liebenau komme, er erwartet – wie immer – ein schweres Spiel. Der Trainer will nun versuchen, Ruhe ins Spiel der Grazer zu bringen. In den vergangenen Partien habe er gesehen, dass zu schnell und zu überhastet in die Spitze gespielt werden und das gefällt dem Slowenen nicht. Das bedeutet aber gleichzeitig nicht, wie er betont, dass er langsamen Fußball sehen möchte. Der kommende Gegner lege sein Spiel aggressiv und mit Bällen in die Tiefe und durch die Mitte an, ortet der Trainer. Auf Altbekannte wird die Mannschaft treffen: Neben Tobias Kainz und Reinhold Ranftl spielen auch Matthias Koch und Mark Prettenthaler in den Reiher des Niederösterreicher. Jürgen Säumel ist ja bekanntlich nach Innsbruck abgewandert.

Am Samstag sollen die ersten drei Punkte der Saison eingefahren werden. Wie das gelingen soll, erklärt Anel Hadzic.

In einem Testspiel darf man sich schon mal gastfreudig zeigen. Am Samstag kehrt jedoch wieder der Arbeitsalltag Bundesliga ein. Und andauernd mit dem Rollercoaster fahren ist auf Dauer auch irgendwie langweilig.

Von Katharina Siuka und Marc Eder