12 Meter

Noch mehr Mut, Darko!

Darko Milanic bezeichnete die Kurzeinsätze von zwei Youngsters gegen die Austria als “extrem mutig”. In Wirklichkeit sollte er noch mutiger sein. Der Trainer meint, er hätte kaum Gelegenheiten für Risiko und Experimente. Warum eigentlich nicht? Die Erwartungshaltung ist in Graz niedrig wie selten zuvor, der Kader ist gespickt mit jungen Spielern, namhafte Abgänge mussten hingenommen werden. Wann, wenn nicht in dieser Saison kann man also sonst etwas probieren?

© Sturm12.at
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“Ich habe extrem viel Mut bewiesen, es war totales Risiko mit zwei Debütanten“, meint Darko Milanic im Anschluss an das Spiel am Sonntag gegen die Austria. Fünfzehn Minuten hätte er überlegen müssen, ob er den Schritt Andreas Gruber und Sandi Lovric zu bringen wagen könne, erklärt er bei der Pressekonferenz nach dem Match. Er hätte eben nur Kinder auf der Bank, keine 30-Jährigen, da wäre das alles nicht so einfach. Andreas Gruber kam in Minute 80. Sandi Lovric hat zwei Minuten gespielt.

Unabhängig davon, dass es wahrscheinlich dann extrem viel Mut gewesen wäre, wenn er einen der beiden von Beginn an gebracht hätte, bleibt außerdem die Frage: Wovor hat der Mann Angst? Ich bin der Meinung, Darko Milanic sitzt einer Fehleinschätzung auf. Wie er es dem Kollegen Fabian Zerche unlängst im Interview mitgeteilt hat, meint der Slowene selbst, er hätte keinen Kredit mehr. Er glaubt außerdem, wie er im Sturm12.at-Interview vor Saisonbeginn erklärt hat, dass junge Spieler mehr Kredit haben sei nicht wahr, das sei nie so gewesen. Würde Milanic ein paar Jahre zurückblicken und sich an die Mannschaft rund um Sebastian Prödl, Jakob Jantscher und Co erinnern, wäre er vielleicht anderer Meinung.

Milanic argumentiert weiter, Sturm hätte in dieser Saison, außer vielleicht gegen Salzburg, wo die Chancen ohnehin gering seien, kein ruhiges Spiel, wo man etwas ausprobieren könne. Ich halte das für eine weitere Fehleinschätzung und halte dagegen: Der Trainer kann gerade in dieser Saison in absolut jeder Partie etwas ausprobieren. Die Erwartungshaltung in Graz ist niedrig wie nie zuvor, die Ansprüche wurden nach mageren Jahren merkbar auch im Umfeld zurückgeschraubt. Daran ändert sich selbst dann nichts, wenn so mancher Spieler nach einer Niederlage in Altach vor lauter Schreck pro forma selbst die Krise ausruft. Sogar wenn man ergebnisorientiert denkt, ist es gerade in dieser Spielzeit alles halb so wild. Es reicht theoretisch sogar Platz fünf für einen internationalen Bewerb. Mehr Gelegenheit für ein wenig Jugend-Risiko beim Aufstellen wird es wohl nicht mehr oft geben.

Blicken wir wieder konkret auf die sonntägliche Formation gegen die Austria und speziell auf die vakante Sechserposition nach dem Ausfall von Daniel Offenbacher. Wann, wenn nicht in so einem Anlassfall, gibt es eine bessere Gelegenheit einen Sandi Lovric von Beginn an einzusetzen? Und wenn man schon auf die konservative Sicherheitsvariante mit Simon Piesinger setzt, wieso wirft man ihn nicht zumindest in Minute 60 ins kalte Wasser, versucht so einen Impuls zu geben und vielleicht die Partie noch zu gewinnen? Was aber bringen dem Burschen zwei Minuten und einmal Ballwegschießen vom eigenen Sechszehner? Und was soll da das extreme Risiko dabei sein?

Und ewig schade ist es außerdem. Sieht man doch in dieser Saison in spielerischer Hinsicht trotz bisher mäßiger Ergebnisse einen neuen Weg, ein anderes Spiel. Es ist bei weitem vielversprechender, wie die neue Formation, das höhere Stehen und das direktere Spiel in die Spitze im Vergleich zum biederen Rumpel-4-4-2-Fußball der letzten Spielzeit aussehen. Es sind derzeit nur Momente, wo das zutage tritt. Aber zumindest sieht man, was möglich wäre. Zum Beispiel in den ersten zehn Minuten am Sonntag. Oder ein paar Minuten nach Wiederbeginn bis zum Ausgleichstreffer. Und das trotz viel Jugend auf dem Feld. Warum also nicht auch noch den „Kindern“ auf der Bank die eine oder andere Chance geben?

Denn nicht zuletzt konterkariert das zaghafte Einsetzen der Youngsters aus dem Kader die vom Verein selbst ausgerufene Philosophie der „Karriereplattform“. Beziehungsweise es konterkariert den Willen des Präsidenten und seines Konzepts rund um „Sturm neu“. Der aktuelle Sportchef hat damit nicht viel am Hut, auch wenn er seinerzeit im Sturm12.at-Interview noch davon schwadroniert hat, ein 17-Jähriger müsse immer bereit sein, wenn der Cheftrainer rufe. Gerhard Goldbrich will auch Ergebnisse sehen, man könne nicht nur auf die Jugend setzen, hört man immer wieder. Und das bekommt wohl auch der Cheftrainer zu hören. „Ich bin schon letzten Sommer mit einer Idee nach Graz gekommen. […] Der Druck, Resultate zu holen, war zu groß. Ich habe alles ad acta gelegt“, sagte Milanic im sportnet.at-Interview Anfang August über seine erste Saison in Graz.

Er hat offenbar einiges davon heuer wieder hervorgeholt, weil er gesehen hat, was der Biedermeier-Kick der letzten Saison gebracht hat. Vielleicht auch, weil er glaubt, er habe ohnehin keinen Kredit mehr. Ich meine, er könnte seine langsam sichtbare Idee des direkt-vertikalen Spiels mit Pressing noch einmal ein Stück weiterentwickeln, wenn er personell echtes Risiko gehen würde. Wenn er Marc Schmerböck forciert. Wenn er am Flügel einmal Andreas Gruber statt des ohnehin schwächelnden Daniel Beichler bringt. Wenn er Sandi Lovric mehr als ein paar Minuten gibt. Die Gelegenheit dazu wäre jetzt, besser wird sie nicht mehr.