© Sturm12.at (MM)
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Beobachtung

Darko Milanic Riesentöter

0:1 in Altach, 1:2 in Grödig, 3:2 in Salzburg. Sturm Graz erarbeitet sich langsam aber sicher den Ruf des Riesentöters. Woran liegt es aber, dass sich Milanic so viel leichter tut, seine Coaching-Karten gegen den Favoriten als gegen den Underdog auszuspielen?

© Sturmtifo.com
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Marburg, 25. Oktober 2012: Der NK Maribor trifft im Rahmen des 3. Spieltags der Europa-League-Gruppenphase auf die Tottenham Hotspurs. Auf dem Papier scheint die Partie schon vor Anpfiff entschieden – doch sieht man neunzig Minuten später  hängende Köpfe bei den Londonern und Freude in den Gesichtern der Gastgeber. 1:1 das Ergebnis. Torschütze für Maribor damals übrigens ein gewisser Robert Beric. Eine riesige Überraschung, die der slowenische Meister auf die Beine gestellt, die Darko Milanic auf sein Taktikbrett gebracht hat. Der englische Krösus vom slowenischen Zwerg gebogen.

Salzburg, 30. August 2014: Der SK Sturm siegt zum zweiten Mal en suite in der Mozartstadt gegen Red Bull Salzburg. Von Fans, über Experten bis zu den großen Wettanbietern: Damit haben nur die kühnsten gerechnet, hieß es doch noch vor der Partie, Salzburg wolle aufgrund des neuerlichen Nicht-Einzugs in die Champions League Frustbewältigung betreiben und die Gäste einigermaßen aus dem Stadion schießen. Doch am Ende jubeln wie auch schon beim bisher letzten Aufeinandertreffen am 12. April dieses Jahres die Grazer mit ihren Fans. Der Riesentöter hat wieder zugeschlagen.

Der Ruf des Riesentöters
Und es waren dies nicht die einzigen krassen Außenseitererfolge, die Darko Milanic in seinem Trainerleben vollbrachte. Der 3:0 Heimerfolg im ersten Europa-League-Spiels Maribors 2012 gegen Panathinaikos etwa schlägt in diese Kerbe, der erste Auswärtssieg der Vereinsgeschichte gegen Red Bull Salzburg im heurigen April ebenfalls. Denn auch in Graz bekommt das Riesentöten langsam Tradition. Kann man aus guter Entfernung den SK Sturm der vergangenen beiden Jahren getrost als sportliche Wundertüte bezeichnen, lässt sich doch ein leises Muster erkennen, deren stärksten Symptome die jüngsten Salzburger Dosenjagden sind. Müht man sich gegen vermeintliche Außenseiter oft ab und lässt Woche für Woche Punkte gegen die Kleinen liegen (von den peinlichen Pokalendstationen in Breidablik und St. Pölten ganz abgesehen), zeigt man insbesondere gegen die Großen (ja aktuell nur mehr den Großen) der Liga Qualität, Strategie und Killerinstinkt.

Doch warum scheint der SK Sturm sich gegen vermeintlich stärkere Gegner leichter zu tun als gegen die „Kleinen” der Liga? Warum fällt es Darko Milanic so viel leichter, seine Coaching-Karten gegen den Favoriten als gegen den Underdog auszuspielen? Wie kann man Red Bull Salzburg auswärts aushebeln, aber gegen die Mannschaft, die dort 0:8 verloren hat, den Kürzeren ziehen? Spätestens wenn eine Festung wie die Bullenarena – grundsätzlich eher uneinnehmbar – in wenig Monaten vom selben Team zweimal erobert wird, lohnt es sich genauer hinzusehen. Gibt es womöglich Besonderheiten, die die Salzburger Werksmannschaft per se zum neuen Lieblingsgegner der Blackies machen? Für diejenigen, die es kurz und bündig wollen: Nein. Nicht wirklich. Für alle anderen: Einfach jetzt weiterlesen.

Basistaktik
Daran kann es fast nicht liegen. Spielte Sturm Graz letzte Saison eher stur ihr 4-4-2 herunter, brachte man diesmal ein variableres Grundkonstrukt auf den Rasen. Defensiv – und somit über knapp 70 Minuten des Spieles – war es dann wieder ein 4-4-2. Offensiv war zumindest anfangs ein ordentlich organisiertes 4-2-3-1 zu sehen. Also das scheint’s nicht zu sein. Taktisches Detail: gut gestaffeltes 4-2-3-1. Und genau diese gute Staffelung hat in den ersten Minuten Sturm gut aussehen lassen. Gepaart natürlich mit einer ungewohnten Passivität der Bullen – aber immerhin. Und hat sich die Mannschaft in diesem Spiel für eine solche Druckphase nun auch endlich einmal mit zwei – in Worten  Z W E I – Toren belohnt. Was ist aber nun das besondere, das zauberhafte am Wort „Staffelung“?

Zauber-Unwort: „One-Touch“
Eigentlich sind’s zwei Worte. Trotzdem nochmal zurück zur Staffelung. Die bringt nämlich offensiv etwas grundsätzlich wünschenswertes mit sich: Die Passwege werden kürzer und jeder Spieler findet um sich meist mehr als nur eine Anspieloption. Wenn dann innerhalb dieser guten Staffelung ein paar „One-Touch“ Ballstafetten gelingen, dann läuft auch das beste Pressing ins Leere. Und – so ehrlich muss man sein – das Pressing in Wals-Siezenheim war auch schon besser. Wenn dann die erste Pressinglinie überwunden ist gibt’s Natur gemäß mehr Platz und Zeit. Und beides sind Dinge, die man Spielern wie Marko Stankovic und Marco Djuricin nicht allzu übermäßig geben sollte und bei acht anderen Bundesligagegnern im Ligakalender auch nicht bekommt. Das Salzburger System spielt aber – wenn man so will – den Grazern unter Darko Milanic und vor allem den genannten Protagonisten in die Hand. Wenn sich die so pressingresistent und kaltschnäuzig präsentieren können, wie vergangenes Wochenende.

Gestatten: Milchmädchen
Denn hilft dieser Umstand freilich nur für den Fall, dass die Offensive die entstehenden Chancen nutzt (das hat jetzt zweimal geklappt gegen RBS) und die Defensive über 90+ Minuten hält und ein Tor weniger zulässt als man selbst zu Stande bringt (siehe oben). Sollte diese Milchmädchenrechnung aufgehen, dann hat man auch in der Bullendisco gewonnen. Nun sei zum Abschluss freilich eins gesagt: Natürlich waren es zwei äußerst glückliche Zeitpunkte, zu denen man zuletzt die Reise in den Westen in den Spielplan gespült bekommen hat. Im April war Salzburg bereits der designierte Meister, und nach dem Europa League-Ausscheiden einigermaßen vom Sport desillusioniert, am vergangenen Mittwoch verpasste man erneut den Einzug in die Königsklasse – die Posse um Sadio Mane inklusive. Doch nutzte man in beiden Fällen, den Schock der Bullen (zuletzt vor allem in der Anfangsphase) perfekt und eiskalt aus und erwies den international zertifizierten Riesentöterqualitäten mit gut gestaffelter Grundformation, erhöhter Pressingresistenz und überdurchschnittlicher Chancenauswertung höchste Ehre.

Bleibt am Ende nur das Crux der österreichischen Bundesliga. Denn eines ist klar: Will Sturm mit diesen Tugenden öfter am großen Bankett aufspielen, muss man zunächst einmal die kleinen heimischen Aufgaben bewältigen, um eines Tages wieder (Europas) Große zum Tanz bitten zu können. Denn in Österreich sind Riesen schon fast ausgestorben.