12 Meter

Kader mit Solospitze

Nach dem Ende der Transferzeit kann man nun erstmals eine Kader-Zwischenbilanz ziehen. Wie steht es um die schwarz-weiße Personalsituation, wie sind die einzelnen Mannschaftsteile aufgestellt für die kommenden Aufgaben? In der Mitte (zu) dicht, hinten und vorne die “Einserpanier” stark, dahinter nicht viel – so, oder so ähnlich sieht es in der Kurzbeschreibung aus.

© Sturm12.at
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Die Transferzeit ist abgeschlossen. Seit dem Gong zur Mitternachtsstunde des ersten September heißt es: Rien ne va plus! Das bedeutet also, auch am Kader des SK Sturm wird sich für die kommende Herbstsaison nichts mehr ändern. Die Übertrittszeit gestaltete sich in Messendorf durchaus bewegt, acht neuen Leuten stehen zwölf Abgänge gegenüber. Die Verluste waren teilweise namhaft. Florian Kainz und Robert Beric wurden nach Wien verkauft, Nikola Vujadinovic und die Grazer konnten sich nicht mehr auf einen neuen Kontrakt einigen. Lukas Spendlhofer, Marko Stankovic und Thorsten Schick sind wohl die bekanntesten Neuverpflichtungen auf dem Papier. Nun kann man jedenfalls endgültig daran gehen, sich den Kader anzuschauen und ein wenig zu eruieren, wie der ausgestaltet ist.

In seiner Gesamtheit weist das schwarz-weiße Spielermaterial neben den drei Torleuten im Profikader elf Verteidiger, elf Mittelfeldspieler und drei Stürmer auf. Daniel Beichler firmiert dabei unter den Angreifern, Benjamin Rosenberger und Michael Madl, wiewohl auch im Mittelfeld einsetzbar, sind zu den Abwehrspielern gezählt. Auf den ersten Blick fällt also auf, dass es eine durchaus üppige Besetzung in Abwehr und Mittelfeld gibt, der Sturm allerdings personell eher dünn aufgestellt ist. Geht man noch konkreter auf die Mannschaftsteile ein, zeigt sich, dass es mit der dortigen Ausgewogenheit hinsichtlich der Positionen auch öfter einmal nicht soweit her ist.

In der Hintermannschaft stellen derzeit Michael Madl und Lukas Spendlhofer die „Einserpaarung“ im Zentrum dar. Durchaus ein konkurrenzfähiges Duo, dahinter kommt allerdings nicht mehr viel. Andreas Pfingstner wird wohl noch länger ausfallen, die logischen Backups sind also Neuverpflichtung Tomislav Barbaric und Aleks Todorovski, der aber die meisten seiner bisherigen Spiele in Graz auf der rechten Seite absolviert hat. Was von Barbaric und Todorovski in der angelaufenen Spielzeit zu sehen war, lässt nicht unbedingt besonders zuversichtliche Prognosen zu. Erman Bevab wäre da noch, der hat aber noch nicht viele Chancen bekommen und es zeichnet sich derzeit auch nicht ab, dass er in der kommenden Herbstsaison viele Einsatzminuten verbuchen wird können. An den längerfristigen Ausfall von Madl oder Spendlhofer sollten wir also lieber nicht denken.

Auf den Außenbahnen ist der Unglücksfall eingetreten, dass sich der vielversprechende Einkauf Naim Sharifi schwer verletzt hat und erst im Kalenderjahr 2015 ernsthaft wieder ein Thema für Einsätze sein wird. Die rechte Außenbahn muss derweil wie gehabt Todorovski schupfen. Wer ihn ersetzt, sollte er in der Innenverteidigung gebraucht werden, ist die Frage. Martin Ehrenreich ist gerade erst einmal wieder ins Training eingestiegen und es bleibt abzuwarten, was er nach seiner Langzeitverletzung zu leisten imstande sein wird. Zudem er schon davor kaum einmal von Beginn an eingesetzt worden ist. Es bleibt noch Youngster Benjamin Rosenberger, der aber vom nicht unbedingt wagemutigen Trainer wohl nur im Notfall von Beginn an aufgeboten werden dürfte. Thorsten Schick wäre auch eine eventuelle Option, den sieht man aber wohl zu Recht eher am Flügel im Mittelfeld. Links ist Christian Klem gesetzt und hinter ihm gibt es überhaupt nur Felix Schmied, der ein ausgewiesener Linksverteidiger ist. Das ist einerseits natürlich eine vielversprechende Option auf den einen oder anderen Einsatz für den Nachwuchsmann, für den internen Konkurrenzkampf und die Optionenvielfalt des Trainers ist das aber nicht unbedingt positiv. Am Ende des Tages wird sichtbar, dass trotz elf nomineller Verteidiger die Personaldecke in diesem Mannschaftsteil bei genauer Durchsicht nicht unbedingt befriedigend aussieht.

Im Mittelfeld treten sich dafür die Leute auf die Zehen. Anel Hadzic, Simon Piesinger, David Schnaderbeck und Sandi Lovric sind alles Kandidaten für einen der beiden Sechser. Spielen tut dort außerdem derzeit Daniel Offenbacher, wobei der weiter vorne besser aufgehoben wäre und selbst der Trainer immer wieder hören lässt, die Paarung Hadzic-Offenbacher würde nicht optimal funktionieren. Im offensiven Mittelfeld ist die Zahl der Köpfe mehr oder weniger genauso dicht. Marko Stankovic, David Schloffer, Marc Schmerböck, Taisuke Akiyoshi, Thorsten Schick und außerdem noch der vielversprechende Jungprofi Andreas Gruber bilden den wohl qualitativ hochwertigsten Mannschaftsteil. Ob Transfers wie Piesinger oder Akiyoshi tatsächlich notwendig waren, steht wieder auf einem anderen Blatt Papier. Wenn man den Trainer bisher beobachtet hat, ist es wohl wahrscheinlich, dass eher die sogenannten arrivierteren Leute als Backups gesehen werden, als die “Kinder” – die jungen Lovrics und Grubers dieser Welt. Ob die, bei so viel Verkehr, viele Chance bekommen werden? Ich zweifle daran. Schon der länger bei den Profis kickende Schmerböck hat wenig Einsatzzeit bekommen, seine Chancen sind durch die Verpflichtung von Schick noch weiter gesunken. Insgesamt ist die Decke des Grazer Mittelfelds ein Symptom des ganzen Kaders: Da ist die jüngste Mannschaft seit 2009 (Schnitt 23,4 Jahre) mit viel Potential dahinter auf der Bank; die Rotationsgeschwindigkeit und die damit verbundene Integration der Talente wird sich allerdings meinem Gefühl nach in Grenzen halten. Das zeigt auch der aktuelle Status Quo auf dem Platz – dort ist der Altersschnitt unverändert. Die Ersatzbank macht den verjüngten Kader.

Die wahre Problemzone ist der Angriff. Die wird derzeit durch den gut in Schuss befindlichen Marco Djuricin zugedeckt. Wie aber Darko Milanic unlängst im sportnet.at-Interview selbst gesagt hat: „Ohne Djuricin? Dann ist alles verloren.“ Da will ich ihm Recht geben. Sollte der Alleinunterhalter vorne ausfallen, dann gibt es wohl ein massives Problem. Daniel Beichler, den wir nur der Form halber zu den Angreifern zählen, weil er von mir aus als hängende Spitze durchgeht, kann diesen Part nicht spielen. Und der Backup Josip Tadic ist eine Wundertüte, den noch keiner einschätzen kann, und außerdem ist er mehr oder weniger seit Eintreffen in Graz verletzt. Hier ist der Kader definitiv in seiner Breite unterbesetzt. Warum im Mittelfeld über die Maßen zugekauft wurde und zum Beispiel ein mehr oder weniger freier Mann (man plant bei der Austria nicht mehr mit ihm) wie Roman Kienast für die vorderste Front nicht einmal angedacht wurde, ist schwer zu begreifen. Bevor er einen Tribünenstammplatz in Favoriten bezieht, wäre er wohl zu reduzierten Bezügen bereit gewesen.

Alles in allem ist der schwarz-weiße Kader in der Abwehr und davor in einzelnen Teilen qualitativ ganz ordentlich besetzt, die Ausgewogenheit und positionelle Verteilung lässt oft allerdings zu wünschen übrig. In der Spitze ist die Kaderplanung aus meiner Sicht sehr riskant und man muss im Prinzip jeden Tag ein Kerzerl anzünden, dass Djuricin seine Verletzungsanfälligkeit heuer auslässt. Zumindest bis zum Winter. Vielleicht kommt dann einer auf die Idee, einen weiteren Stürmer zu holen.