Libero

Wal des Feia brennt immer no

Das Gefühl Fan einer Fußballmannschaft zu sein, ist ein kaum erklärbares und praktisch nicht zu argumentierendes. Der neue Libero versucht es. Von Erinnerungen, Emotionen und Hoffnungen – ein Text darüber, wovon Fußballfans Fans sind:

© Sturm12.at
© Sturm12.at

Nemo enim patriam, quia magna est, amat, sed quia sua.

Niemand liebt sein Vaterland, weil es groß ist, sondern weil es seines ist. Und genau so ist es im Fußball. Ein Spieler ist nicht mein Spieler, weil ich ihn für den besten halte. Eine Mannschaft ist nicht meine Mannschaft, weil sie heute ein Tor mehr schießt als der Gegner. Ein Team ist nicht mein Team, weil es in der aktuellen tabellarisch-algorithmischen Aufzeichnung eines Spielturniers besser als sonst klassiert ist. Ein Kader ist nicht mein Kader, weil ich mit jedem einzelnen Spieler sympathisieren kann. Ein Stadion ist nicht mein Stadion, weil es das schönste ist. Ein Verein ist nicht mein Verein, weil ich jeden seiner Schritte und Entscheidungen für gut und wichtig oder jeden seiner Protagonisten für fördernswert befinde. Ein Klub ist nicht mein Klub, weil er heute Erfolg hat, oder mir für morgen welchen verspricht. Ein Fußballverein ist mein Fußballverein, weil er meiner ist. Weil er es immer schon war. Herzlich Willkommen im neuen Libero.
 

 
Was es heißt, Fan einer Fußballmannschaft zu sein, ist ein kaum erklärbarer, selten schlüssiger und praktisch nicht zu argumentierender Gefühlsmoment. Bei Sonne, Regen und Schnee rufen ein maroder Sportplatz, teures Stadionbier und eine (zu) selten starke Mannschaft zum wöchentlichen Paartanz mit der Anhängerschaft. Und sie kommt. Weil sie kann. Weil sie will. Weil sie muss. Ohne Ausreden, ohne Überraschungen. An der immergleichen Aufstellung des Trainers beginnt man vielleicht zu zweifeln. Am Können der Spieler auch. Und was die Klubführung macht, versteht man womöglich schon länger nicht mehr. Nur wird das auch heute keine Rolle spielen. Weil seine Farben am Feld stehen, seine Menschen warten, seine Fahnen vom Stadiondach wehen. Und wieder gibt es Schweinskick. Wieder wuascht. Nächste Woche 700 Kilometer Autobahn. Gemma.
 

 
Aber warum? So fragt die Mama, fragt die Freundin und fragt der Kollege. Alle mögen so fragen, nur man selbst fragt sich das nie. Weil der Verein da ist, ja selbstverständlich da ist, weil er immer schon selbstverständlich da war. Seitdem man zum ersten Mal in kindlicher Arglosigkeit auf den heimischen Röhrenschirm getippt, auf eine Mannschaft gezeigt hat und befand: „Das sind meine. Ich halte zu denen.“ Seitdem man zum ersten Mal mit dem Großvater am Sportplatz gestanden ist und sich instinktiv seinem Dafürhalten angeschlossen hat. Seitdem man zum ersten Mal den Zauber erlebte, der es heißt, mit einem Verein zu fiebern, zu jubeln oder zu weinen. Seit diesem Moment ist er da. Verlassen nicht abzusehen.
 

 
Es sind die Emotionen, die einer Sache Platz in der menschlichen Seele verschaffen – und die Erinnerungen an diese Emotionen sind es, die diesen Platz erhalten. Fandasein im üblichen Sinn meint immer auch das Erleben von Emotion und Umgang mit der Erinnerung an diese. Meint den Nachhall und die Spuren der großen Momente der Beziehung, die man mit seinem Verein eingegangen ist. Die Titel, die man feierte, die Reisen, die man miteinander tat, die Niederlagen, die man erleiden und die Siege, die man erleben durfte. Und mit jedem solcher großen Momente wird das Verhältnis ein engeres, der Umgang ein näherer, das Gefühl ein intensiveres. Da ist ein Weg, den man mit dem Verein und der Verein mit einem gegangen ist. Ein Sieg beim großen Ligadominator, ein Flug an das andere Ende Europas, ein gemeinsam eroberter Titel. Jeder dieser Momente hinterlässt etwas in seinen Fans – nicht annulierbar und über Zweifel erhaben.
 

 
Und so erarbeitet man sich langsam etwas. Etwas großes, etwas dauerndes. Da ist etwas erwachsen, etwas, wofür der Verein steht und wofür man selbst steht. Eine gemeinsame Menge an Idealen, Momenten und Wünschen, die man teilt und verwaltet. Man kennt die Menschen und die Tugenden, man spürt die Lieder und kennt den Geruch des Rasens. Man findet Vertrauen in den Verein; das, dass es seiner ist, das kaum zu erschüttern ist. Und die Menschen um einen, die fühlen das Gleiche. Haben das Gleiche gesehen und das Gleiche erlebt. So trägt man gemeinsam unwiderruflich die Beziehung zu seinem Verein. Hält die Fahne hoch und singt die Lieder und trägt die Farben. Und gehört hier her. Und lebt miteinander von der Geschichte, der Emotion und dem Gemeinsamen, dass einem Fußballverein innewohnt. Und trägt auch wenn die Zeichen schlecht stehen sollen eine Hoffnung in seinen Verein vor sich her.
 

 
Dass man auch in von Enttäuschung getriebenen Jahren seit dem bisher letzten großen Titel die Fassung bewahrt. Dass wenn man auch am Trainer zweifelt und die gerade aktuellen Spieler nicht mag und die Klospülung im Stadion nicht funktioniert und der Fußball seiner Mannschaft schleppend und zäh und enttäuschend ist und man unter der Woche wieder nur den Rivalen zusehen statt Europa bereisen darf und man was die Klubführung macht, schon länger nicht mehr verstanden hat, man den Glauben bewahrt, die Zuneigung eisern hält und die Hoffnung niemals aufgibt. Dass irgendwann wieder einer dieser großen Momente kommt.