Taktikbrille

Der Rückfall

Eine Niederlage gegen Admira Wacker ist der geneigte Sturmfan ja durchaus schon gewöhnt. Das an sich wäre noch nichts besonders. Der Grund für die aktuelle Taktikbrille ist ganz konkret ein Doppeltausch von Trainer Darko Milanic in Minute 59 und einen damit verbundenen Rückfall in vergangen geglaubte Zeiten.

© Sturm12.at
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Prolog
Der SK Sturm startet in das Spiel gegen die, vom Trainerteam Walter Knaller / Oliver Lederer erwartungsgemäß reaktiv eingestellte, Admira eigentlich gut. Das sauber gestaffelte 4-2-3-1 dieser Saison wird mit den „üblichen Verdächtigen“ (Ausnahmen: Tomislav Barbaric statt Lukas Spendelhofer und Simon Piesinger statt Anel Hadzic) umgesetzt. Daniel Beichler gibt dieses Mal den Verlegenheitsflügel auf der linken Seite des Dreiermittelfelds, wo er sich mit Marko Stankovic von Spiel zu Spiel abwechselt. Beiden behagt die zentrale Position hinter der Spitze bei weitem besser. Mit eben Stankovic in der Mitte als Drehscheibe und als Anspielstation für die Außenpositionen und die Sechser versucht Sturm Druck aufzubauen. Das klappt in der ersten halben Stunde auch ganz gut. Allerdings hat die Admira – das fällt von Anfang an auf – die bisherigen Spiele von Sturm alle gesehen. Sie haben das Spielmuster erkannt.

Flexible Admira
Sehr geschickt werden die für Spieleröffnung zuständigen Grazer Akteure – meist Stankovic im Verbund mit Thorsten Schick und Stoßspitze Marco Djuricin – entweder isoliert (Stankovic und Djuricin) oder bereits nahe der Mittellinie (Schick) gestellt. So richtig rund läuft der Sturmmotor trotz optischer Überlegenheit nicht. Es entstehen zwar Strafraumszenen, aber der oft zitierte „letzte Pass“ kommt nicht an, die Bemühungen finden oft rund um den Sechzehner statt, selten im Strafraum. Dass genau dieses Zuspiel in die Gefahrenzone nicht gelingen will, liegt daran, dass es die Admira sehr gut versteht, die Mitte völlig dicht zu halten. So gibt es zentral vor dem Tor – in der taktisch gesehen gefährlichsten Zone – keine Anspielstationen. Und Sturm ist für gefährliche Weitschüsse eher nicht bekannt.

© Sturmtifo.com
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Und außen?
Und so wie es sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass der SK Sturm nicht aus Reihe zwei schießt, weiß auch die gesamte Liga: Daniel Beichler ist kein Flügelspieler. Die Schwarz-Weißen im Herbst 2014 sind eine Abart von Rapid Wien unter Peter Pacult. Der grantige Peter hat seinerzeit Steffen Hofmann immer auf der rechten Außenbahn aufgeboten. Dort war der dann mindestens zweimal pro Spiel. Immer beim Anpfiff, selten öfter. In die Geschichte der Taktikblogs ging dieses Phänomen unter Pacult als das „Hofmann-Loch“ ein. Es war damals hinlänglich bekannt, dass Rapid über rechts eher flügellahm agierte, weil es den Deutschen immer in die Mitte zog. Sturm hat jetzt auch sein Loch auf der anderen Seite mit den selben Folgen. Es heißt allerdings mit Vornamen “Beichler”.

Nun könnten die Leute mit der rosa Brille anmerken, gegen Red Bull Salzburg wäre das ja auch so gewesen und trotzdem hat´s gereicht. Was es zu diesem Spiel zu sagen gibt, wurde an dieser Stelle bereits besprochen. Durch die Taktikbrille betrachtet, ist es trotzdem Fakt, dass Sturm keine offensive linke Seite hat. Das wäre nicht schlimm, wenn Beichler konsequent im Zentrum – gemeinsam mit Stankovic – den Achter- bzw. Zehnerraum bespielen würde. Das wäre sogar eine nette Idee und würde die beiden Sechser von Offensivbemühungen (zumindest theoretisch) entbinden. Leider „gelingt“ dies aber Daniel Beichler nicht wirklich. Nun ist also links nix los, die Mitte dicht und die zweite Reihe so gefährlich wie eine Puderquaste. Laut Milchmädchenrechnung muss also alles bei Sturm über rechts kommen. Tut es auch. Die Gegner wissen das.

Doppeltausch
All diesen Fakten zum Trotz war der SK Sturm bis zum Gegentor die bessere Mannschaft. Was der Trainer in der Pause seinen Leuten erzählt hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Vermutung liegt nahe, dass zwischen seiner Intention und dem, was die Truppe verstanden hat, doch eine beträchtliche Diskrepanz herrscht. Sturm kommt jedenfalls ganz besonders mau aus der Kabine. Das Blackys-Trainerteam hat aber offenbar einen Plan und versucht in der 59. Minute mit einem Doppeltausch das Ruder herumzureißen. Es kommen Josip Tadic und David Schloffer für Stankovic und Beichler. Rein personell mag das nachvollziehbar gewesen sein, war doch Beichler ohnehin problematisch, siehe oben, und Stankovic hatte nicht seine besten Tag. Viel wichtiger ist ein anderer Aspekt. Ab diesem Moment, nach einer gespielten Stunde, hat der SK Sturm wieder den Anzug der letzten Saison angezogen: das flache 4-4-2.

© Sturmtifo.com
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Interessante Variante oder taktische Sackgasse?
Die Ausgangslage hat sich also mit der 59.Minute wie folgt geändert: Die Admira kontrolliert, wie schon den größten Teil der Partie davor, das Spiel mit ihrem 4-2-3-1 / 4-5-1 / 5-3-2 Hybrid und hat weiter die Herrschaft über das Spielfeldzentrum. Sturm versucht nun mit einem Spieler weniger im Zentrum, das Spiel zu drehen. Die Grazer besetzen jetzt die Flügel konsequenter und versuchen es ausschließlich über die Außenbahnen. Dass unmittelbar nach dem Wechsel durch einen Weitschuss (andere Mannschaften machen das nämlich ab und zu) in Minute 60 das 0:2 fällt, sei hier nur am Rande erwähnt und hat mit den taktischen Dingen eher wenig zu tun.

Gefährliche Momente für das Admira-Tor entstehen ab nun nur noch durch Standardsituationen. Weder macht sich die zusätzliche Sturmspitze stark bemerkbar (was nicht an der Personalie Tadic liegen muss) noch kommt besonders viel Druck über die Außenbahnen. Aber warum? Naja. Sturms Offensive funktioniert 2014 dann gut, wenn Anspielstationen zwischen den gegnerischen Ketten bzw. in den Halbräumen da sind. Das ist es, was die Sturmoffensive weniger berechenbar macht als noch in der letzten Spielzeit. Durch die Umstellung, böse formuliert den Rückfall auf das flache 4-4-2 mit immer noch zwei defensiven Sechsern, gibt es genau diese Anspielstationen nicht mehr. Darko Milanic hat sich somit seiner Weiterentwicklung, die diese Saison systemisch durchaus bemerkbar war, selbst beraubt. Es standen im Zentrum schlicht keine Leute mehr zur Verfügung, über die man aufbauen hätte können. Daran änderte auch der Positionstausch Simon Piesinger gegen Sandi Lovric in der Schlussphase nichts mehr. Somit hatte die Admira durch die Mitte noch immer nichts zu befürchten und konnte die nun regelmäßig besetzten Sturm-Flügel bereits früh doppeln und alle Bemühungen neutralisieren.

Fragen, Fragen, Fragen
Was nun interessant ist und worüber eine Debatte zu führen wäre, sind folgende Fragen:

  • Was hat Trainer Darko Milanic zu diesem Doppeltausch samt Systemwechsel bewogen?
  • Was hat sich der Cheftrainer von dieser Maßnahme erhofft?
  • Wollte er bloß „etwas anders machen“ oder lag eine taktische Idee dahinter?
  • Was hat Milanic am Spiel der Admira gesehen, dass ihn dazu bewogen hat, die Mitte völlig aufzugeben und somit die Sturmangriffe noch früher über die Außenbahnen zu führen?

Allen Fragen auf die fehlende Präsenz im Mittelfeldzentrum in der Pressekonferenz nach dem Spiel am Samstag, hat Milanic eher ausweichend beantwortet. Vielleicht haben unsere Leser die eine oder andere Antwort parat, wir tun uns schwer, eine zu finden.