© Sturm12.at (KU)
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Ivan Osim

"Ein Leben ist es wert, so etwas zu erleben."

Ivan Osim ist in der Stadt. Seit einigen Wochen weilt Sturms Fixstern an seiner alten Wirkungsstätte. Am Tag vor der Admira-Pleite treffen wir ihn zum Gespräch. Von damals, heute und immer:

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Pokale sind Becher. Und im Rückraum der Kantine Messendorf stehen reichlich davon.

Zwischen der mit messing-goldenen Pokalen geschwängerten Glasvitrine, dem Zweitligaspiele-zeigenden Flachbildfernseher und der per bunten Jubelbildern geschmückten Wand sitzt Ivan Osim und spricht bescheiden über die Zeit, an die all diese Auszeichnungen erinnern. Weil Ivan Osim immer bescheiden ist.

„Zu viel Licht schadet der Wahrnehmung“, hat er vor Jahren einmal gesagt. „Für mich ist es eine Mannschaft, die etwas bewegt. Nicht ihre Pokale“, wird er heute auf die Frage antworten, was für ihn Erfolg im Fußball ist. Trotz dogmatischer Zurückhaltung ist Sturms Jahrhundertrainer in jedem Wort überlegen. Weil Ivan Osim immer überlegen ist.

Langsam, bedacht und heiser erzählt er zwei Stunden lang vom ersten Fußball seiner Kindheit, warum die Spielweise von Ivo Vastic kaum nachzuahmen ist und es dem SK Sturm Graz der Gegenwart mit der Mannschaft von damals ebenso ergeht. Die wechselnde Hörerschaft entgegnet einigermaßen devot. Ein Gespräch mit dem Allergrößten:

 

Herr Osim, wie geht es Ihnen?
Ich habe bemerkt, dass ich nicht mehr so bin wie früher. Der Schlaganfall hat Spuren an mir hinterlassen. Ich merke mir nicht alles so wie früher, mit dem Sprechen habe ich auch Probleme. Ich verstehe zwar alles, aber besser ist es, nicht alles zu verstehen. So viele Medikamente wie ich nehme – das ist schon fraglich. In Japan haben sie mir versprochen, dass es nach dem Hirnschlag ungefähr dreizehn Jahre dauert. Jetzt sind sieben Jahre vorbei und es geht mir nicht so viel besser. Rückenprobleme habe ich auch, ich kann nicht mehr so viel marschieren. Ich möchte gerne so beweglich sein wie früher, aber es geht nicht mehr. Ich bin oft zu müde und kann deshalb nicht Fußball schauen – und so wie sie spielen, ist man oft noch müder als davor. Alle reden immer nur über Geld. Ich habe vorgestern Bosnien gegen Zypern gesehen. Die Bosnier haben verloren und die Sprecher haben die ganze Zeit über Geld geredet – wie viel kostet der bosnische Spieler, wie viel kostet der Zypern-Spieler. Dzeko oder Pjanic kosten mehr als die ganze Mannschaft von Zypern. Immer nur Geld, Geld, Geld.

Ohne das Geld wäre der Fußball nicht auf der Entwicklungsstufe, auf der er heute ist.
Das ist für mich die falsche Richtung. Jetzt ist dieser Alaba so modern geworden. Alaba ist mehr im Zentrum der Medien als alle anderen zusammen. Schon junge Spieler werden unter Druck gesetzt und müssen mit sehr viel Druck leben. In Bosnien möchten jetzt alle Dzeko sein, aber das ist nicht möglich. Wenn die Eltern zum Training kommen, regieren sie alles. Sie stellen sich neben den Platz und rufen den Kindern zu. Sie gehen zum Trainer und fragen, warum ihr Sohn nicht spielt. Sie sind auch bereit, den Trainer unter dem Tisch zu zahlen.

Aber was sollte man dagegen machen?
Wenn die Trainer so etwas akzeptieren, ist es sehr schwierig. Die Eltern schätzen den Fußball leider nicht gut genug ein. Sie wissen nicht, wie schwer es ist, ein guter Fußballer zu sein und wie lange das dauert. Sie glauben, dass die Kinder über Nacht Messi oder Ronaldo werden. Und die Journalisten präsentieren solche Karrieren, als wäre es leicht, als wäre es wie guten Tag zu sagen. Leicht ist nix. Es ist sehr hart, wenn die jungen Spieler einen Traum haben und sechs Monate oder ein Jahr später sehen, dass der Traum nicht erfüllt worden ist. Das ist eine Tragödie. Niemand denkt mehr an die Jungen, die diese Chance hatten. Was ist mit ihnen jetzt? Wenn sie nichts geschafft haben, keine Spieler geworden sind, haben sie keinen Job, kein Geld. Niemand fragt, was sie machen.

Kann das Träumen auch positive Effekte auf junge Sportler haben?
Die Quantität der jungen Spieler ist ein positiver Effekt. Viele junge Menschen kommen zum Training – und wenn man viele Spieler hat, ist die Auswahl größer. Es ist dann ein Problem, wie man diese Spieler auswählt. Die Leute – besonders bei uns in Bosnien – denken, man kann alles bezahlen. Unter dem Tisch oder oberhalb des Tischs – wie sie wollen. Die Leute leben im Glauben, dass ihr Sohn einmal ein großer Spieler wird, dass er gewinnen wird. Das ist nicht schön für den Fußball und für die Entwicklung. Das ist der falsche Weg – leider. Das Einzige, was meiner Meinung nach gut ist, ist, dass man positive Beispiele wie Dzeko oder Pjanic in Bosnien hat. Die Jungen laufen mit ihren Dressen herum und kommen zum Training und interessieren sich dafür. Sie denken nicht an Krieg, sie denken nicht an viel Geld, sie denken: “Ich möchte einmal wie Dzeko sein.” Und das ist positiv. Für die Schule, für die Spieler und ihre Person. Sie lernen die Sprachen und ein anderes Leben, eine andere Kultur kennen. Das ist schon ein Gewinn.

 

 

Aber war es etwa bei Ivica Vastic damals nicht genau das Gleiche wie heute bei David Alaba?
Das ist schwer zu vergleichen, weil Ivo etwas ganz anderes ist als Alaba. Es ist viel schwieriger, Ivo Vastic zu imitieren als David Alaba. Das, was Vastic hat, ist angeboren, das kann man nicht produzieren.

Und was David Alaba hat, schon?
Alaba ist interessant als Typ. Er ist als Ausländer gekommen, hat hier sicher schwer gelebt. Er hat wahrscheinlich alles geopfert – sein Familien- und Privatleben. Er hat auch viele Enttäuschungen gehabt wegen seiner Hautfarbe. Mit solchen Sachen muss man leben, das ist schade. Das Problem ist, dass viele Spieler versuchen, ein Held zu sein. Ein Held wird man nicht, indem man es lebt, man muss dazu geboren sein. Um ein Messi zu sein, muss man dazu geboren sein. Dann muss man sehr viel arbeiten und spielen. Bei uns musste Ivo immer mehr tun als die anderen. Muss. Das ist so. Leider. Er hat Glück gehabt, dass er die Spiele oft alleine gewonnen hat. Von diesen Spielern, die jetzt bei Österreich spielen, ist es schwer, solche Sachen zu verlangen. Sie haben nicht diese Qualität. Österreich hat zum Beispiel sehr korrekt und gut gespielt gegen Schweden. Sie waren sehr diszipliniert und aggressiv, waren kämpferisch und taktisch sehr gut. Die Schweden haben keine Chancen gehabt. Das zeigt schon, dass der Trainer etwas gebracht hat. Das Problem war, dass sie keinen Vastic oder so jemanden haben. Jemand, der vorne etwas alleine machen kann. Janko ist nicht so ein Spieler und Arnautovic noch weniger. Dann hat man zwei Spieler weniger. Aber okay, das muss man auch akzeptieren in einer Mannschaft. Alaba ist schon ein Star geworden – die Zeit und die Journalisten arbeiten schon gegen ihn. Er hat auch ein wenig eine höhere Nase bekommen.

Was ist es, das Vastic angeboren ist?
Talent. Gefühl. Er ist geboren, um Tore zu schießen. Wenn man sich erinnert, was für Tore er gemacht hat: Schöne Tore – platzierte Weitschüsse ins Eck, weil der Tormann falsch steht. Oder seine kleinen Pässe: Tore sind schön, aber die Pässe sind noch schöner. Das ist schön für die Zuschauer, die Fußball verstehen. Für mich ist es immer schöner, einen schönen Pass zu einem Tor als das Tor selbst zu sehen. Wir haben viel davon erlebt: Von Ivo, von Hannes, von Tommy Kocijan. Die hatten alle das Gefühl für einen schönen Pass. Oder wenn man sieht, dass die Spieler für das Kollektiv arbeiten und nicht egoistisch sind. Mario zum Beispiel war so ein Spieler. Er hat Chancen gehabt, alleine das Tor zu schießen, hat aber abgespielt. Das war unsere Kraft. Wenn ein Spieler nicht abgespielt hat und wir kein Tor gemacht haben, habe ich gesagt: “Komm. Aus. Du spielst nicht mehr. Wenn du so für dich selbst spielst, wir aber elf Spieler sind und tausende Fans im Stadion haben: Nein. Die Leute zahlen für die Tore. Es geht nicht, dass man dann den ganzen Zirkus für sich selbst macht.”

Ist Erfolg im Fußball also für Sie, für die Zuseher attraktiv zu spielen?
Sicher. Die Franzosen sagen immer, wenn jemand schlecht spielt und gewinnt: Die Manieren sind wichtig. Ob das schön ist oder nicht. Ob das elegant ist oder nicht. Wenn jemand alleine auf das Tor zuläuft, den Torwart und noch einen Spieler ausdribbelt und ins leere Tor schießt, dann klatschen alle, das sind Manieren. Fußball kann sehr schön sein. Schöne Sachen sind lange Pässe, schöne Ballkontrollen wie Ibrahimovic sie hat oder Ivo sie hatte. Hannes zum Beispiel war ein guter Techniker. Wir haben einige Spieler gehabt, die den Ball kontrollieren konnten, egal, wie er auf sie zukam. Das war sehr schön. Das ist Fußball. Die Brasilianer schätzen das. Die ganze Nation. Die schätzen das, diese Künstler, die wirklich etwas haben. Sie manipulieren mit einem Ball wie die Handballer, oder die Basketballer – das ist schön anzuschauen. Viele schauen sehr lange Fußball, aber sie sehen nicht, was los ist. Nur schauen genügt nicht.

Viele schauen sehr lange Fußball, aber sie sehen nicht, was los ist.

 

Roman Mählich hat uns erzählt, dass Sie der Mannschaft hauptsächlich durch die Übungen im Training nahe gebracht haben, wie sie spielen soll. Sie sollen weniger geredet, dafür aber mit der Mannschaft über die einzelnen Trainingseinheiten kommuniziert haben.
Für den Trainer ist es wichtig, zu beobachten. Man muss schauen, ob die Spieler die Aufgaben erfüllen oder nicht. Dann sieht man, ob sie Fortschritte gemacht haben oder nicht. Und dann bekommt der Trainer auch Vertrauen. Ich habe immer gesagt, dass ich ihnen alles zutraue. Jetzt noch mehr als früher. Denn jetzt ist es wirklich so, dass man gegen jeden Gegner gewinnen kann. Egal, wer der Gegner ist. Man muss nur ein wenig mehr Selbstvertrauen haben. Jeder Spieler, jede Mannschaft – warum nicht? Mir tut es noch immer leid, dass wir viermal gegen Manchester United gespielt haben und nie etwas erreicht haben. Das tut mir immer noch weh, dass wir nicht wenigstens Unentschieden gespielt haben – oder gegen Real Madrid. Da sind wir praktisch mit der 1:0-Führung ins Bernabeau gekommen. Ein Fan aus Madrid ist damals in der ersten Reihe der Ehrentribüne gesessen und hat gerufen: “Mister! Coach!” Ich mache so (deutet mit der Hand zum Ohr) und frage: “Was ist?” “Sie bekommen fünf Tore.”

Warum ist Fußball heute so viel anders als damals?
Alles ist jetzt beschleunigt. Fußball ist schneller geworden und wird immer schneller. Die Spieler sind auch schneller geworden, die Tore fallen schneller. Und jetzt ist es in Österreich moderner geworden – ich habe jetzt vier Spiele gesehen in letzter Zeit -, dass alle Mannschaften sehr hoch stehen. Sie versuchen dort schon, den Gegner zu stören, ihn nicht spielen zu lassen. Fußball hat viele Fortschritte gemacht. Er ist viel effizienter geworden. Alle Tore fallen jetzt aus einer Überzahl heraus . Wer eine Überzahl schafft, ist egal – oft ist es ein Außenverteidiger wie Marcelo. Spieler wie er, die von hinten kommen und die ganze Linie entlang laufen, das sind die modernsten Spieler. Alle guten Mannschaften haben diese sehr guten Seitenspieler. Alle versuchen, dort alles zu kontrollieren. Wenn sie diese zwei Spieler stoppen, haben sie das Spiel gewonnen. Wenn bei Barcelona Dani Alves nicht spielt, ist Barcelona schlecht. Oder Alexis Sanchez: Der ist gelaufen wie ein Hund bei Barcelona. Wenn die beiden vorne beim Sechzehner sind, gibt es eine Überzahl, sie dribbeln gut oder flanken. Das ist Fußball. Für Tiki-Taka muss man physisch bereit sein, weil ständig Bewegung da ist – Sprint, langsam, Sprint, langsam. Wie Handball. Immer Konter. Fußball muss bald wieder seine Regeln wechseln, weil das Spiel noch schneller wird.

Waren Sie in den letzten Wochen eigentlich öfters hier beim Training?
Leider nicht, nein. Ich habe jeden Tag zwei Spiele im Fernsehen geschaut. Und ich habe mir die Spieler angeschaut, die den Verein gewechselt haben. Was zum Beispiel Toni Kroos jetzt in Madrid macht – das interessiert mich.

Das letzte Sturmspiel, das sie gesehen haben, war daheim gegen den WAC?
Ja.

Waren Sie zufrieden?
Ich habe zu meiner Frau gesagt, ich gehe nicht mehr. Ich bin abergläubisch geworden, dass sie immer verlieren, wenn ich zusehen komme.

Ich glaube Ihnen das nicht.
Das glaube ich auch nicht, aber so war es.

(Macht sich ein Naps mit dem Schneidezahn auf)

Sprechen Sie mit Darko Milanic über das, was Sie gesehen haben?
Wir sind am Abend davor zusammengegessen. Viele Spieler von früher sind gekommen – Gilbert, Hannes, Schoppi – wir haben Salzburg gegen Malmö geschaut und zusammen gegessen. Ich habe mit Darko ein wenig über das Spiel gegen den WAC geredet. Er hat mir gesagt, dass man vorsichtig sein muss, weil das eine Mannschaft ist, die so stark ist, wie sie in der Tabelle platziert ist. Aber das Spiel hat mir dann gezeigt, dass Trainer immer etwas bewegen. Und Didi hat etwas bewegt beim WAC. Sturm hat die bessere Mannschaft. Es hilft nicht, nur besser zu sein. Aber hier ist das Publikum ein Wunder. Egal ob sie verlieren oder gewinnen: Das Publikum wird wieder kommen. Und diese Leute kommen nicht für nichts. Sie wollen etwas Schönes sehen. Sturm spielt schön. Sie versuchen, sehr schnell zu spielen, machen dabei aber auch viele Fehler. Sie kommen sehr schnell von der eigenen Hälfte in die andere, aber dort gibt es das Problem, dass sie die Bremse ziehen müssen. Man muss weiter spielen. Schön spielen. Kombinieren. Was zum Beispiel macht Barcelona? Wenn sie in den gegnerischen Sechzehner kommen, kombinieren sie dort. Sie spielen miteinander. In der Art haben wir damals auch gespielt. Ivo hat immer diese Dribblings gemacht: Er hat den Schuss angetäuscht, zu Mario gespielt, er hat das Gleiche gemacht und zurück gespielt. Dann hat jemand ins leere Tor geschossen.

Fehlt dazu heutzutage möglicherweise die spielerische Qualität im Sturmkader?
Nein, Qualität haben sie schon. Aber meiner Meinung nach spielt diese Mannschaft von Zeit zu Zeit schön und von Zeit zu Zeit auch zu schnell. Wir haben nicht viele Spieler, die es gewöhnt sind, in einem engen Raum zu spielen – Tiki-Taka praktisch. Barcelona spielt in einem sehr kleinen Raum sehr gut. Man kann den Ball nicht berühren, weil sie so genau spielen. Man hat praktisch keine Zeit, den Gegner zu attackieren, Druck zu machen. Wenn man nicht zum Ball kommt, kann man nicht kontern. Deshalb macht man ganz vorne Druck. Dafür muss man aber die Spieler haben, die das können. Das Problem ist, dass offensive Spieler oft nicht die Luft haben, um Pressing zu spielen. Besonders die großen Spieler. Ibrahimovic macht überhaupt nichts. Janko kann das nicht. Arnautovic kann das nicht. Mario konnte das lange Zeit nicht. Er war immer ein wenig schwer, ein wenig zu dick. Wenn man Druck machen muss, muss man mehr laufen.

Es bräuchte also Spieler, die im vordersten Drittel auf engem Raum kombinieren können.
Ja, so wie Kocijan, Ivo, Yuran.

Die gibt es jetzt nicht?
Jetzt haben sie keine, soweit ich gesehen habe. Djuricin muss ich sagen, ist überraschend gut. Meiner Meinung nach kann er das auch spielen, er ist gefährlich.

Es ist davon auszugehen, dass sich Sturm Spieler wie die von Ihnen Erwähnten heute nicht mehr leisten kann…
Es ist nicht leicht, solche Spieler zu haben.

Wie kann man als Trainer also so ein Spiel erreichen, wenn man auf die Einzelkönner verzichten und das im Kollektiv leisten muss?
Arbeiten muss man sowieso. Man muss Dinge im Training so lange und oft wiederholen, dass die Spieler beginnen, Sicherheit zu gewinnen. Schauen Sie einmal, wie viele unnötige Fehler die Spieler machen, wenn sie den Ball stoppen, bei der Ballübergabe – bei langen Pässen oder so. Dafür macht man Druck, macht man Pressing: Damit der Gegner Fehler macht, die gefährlich sind.

Welche Strategie könnte man heute in einer Liga wählen, in der…
Ich bin nicht hergekommen, um Darko zu kritisieren.

Stimmt es eigentlich, dass sie damals Heinz Schilcher geraten haben, Darko Milanic zu Sturm zu holen?
Ich würde es wieder tun. Darko war bei Partizan Stammspieler. Er hat hinten alles dicht gehalten. Mit dem Abgang von Darko haben wir mehr verloren als gewonnen – aber er konnte hier mehr gewinnen als dort. Sturm war eine Mannschaft im Aufschwung – in Belgrad hat er Zeit verloren.

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Wie denken Sie an Darko Milanic als Spieler?
Er war jemand, der immer da war, der mutig, stolz und hart war. Er war auch mit sich selbst hart. Er hat immer hundertprozentig trainiert. Wenn er beim Training tackeln musste, sind alle gesprungen, weil Darko tackelt. Man kann bei ihm hundertprozentig sicher sein, dass er alles macht, was er kann. Immer. Egal ob das ein Freundschaftsspiel oder ein Meisterschaftsspiel ist, egal ob er gegen Messi oder St. Magdalena spielt. Das sind die wichtigen Spieler. Die anderen haben viel von ihm gelernt. Sie haben dann auch mit dem Einsatz gespielt. Sogar Ivo und Reinmayr sind kämpferisch geworden. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Sturm jetzt spielt. Sie sparen nicht. Sie geben hundert Prozent – wie Klem zum Beispiel. Schade ist, dass Kainz weg ist. Man hätte mit ihm und Klem eine Seite haben können, die zehn Jahre gut zusammenspielt.

(“Innsbruck führt, mhm.”)

Kainz wollte weg.
Viele wollten weg. Dafür hatten wir nicht die Mannschaft, dass die Spieler bleiben wollten. Ich habe immer davon geträumt, eine Mannschaft zu bauen mit Spielern, die alle aus der Steiermark kommen. Es hat mir weh getan, dass Herbert Grassler nicht bei uns bleiben wollte. Wir sind nach Costa Rica zur Vorbereitung geflogen und er wollte nicht mitkommen, er hat gesagt: “Ich habe eine Mannschaft, ich gehe.” Hannes wollte nicht zahlen. Ich habe zu Hannes gesagt, dass es nicht schlecht wäre, alle Spieler aus der Steiermark zu behalten. Schopp hätte auch nicht nach Hamburg gehen müssen…

Glauben Sie, wäre es in der heutigen Zeit noch möglich, eine Mannschaft aus Spielern zu bauen, die aus der Region sind?
Dass das noch einmal so läuft wie damals… Ehrlich gesagt glaube ich, dass das zu viel war. Das konnte man nicht erwarten. Ich habe schon sehr oft gesagt, dass es mir weh tut für die Spieler, dass sie sehr hart gearbeitet haben und wir es nicht zu Ende geführt haben

Hat Sie Kritik in der Trainerposition oft belastet?
Nie. Schon gar nicht, wenn es echte Kritik ist. Man muss es akzeptieren, wenn Leute, die alles verfolgen, kritisieren. Wenn man zum Beispiel die Kritik von älteren Spielern sucht, kann man viel lernen. Dann fragt man sich, warum sie kritisch sind und ob man besser sein kann oder nicht. Im Prinzip ist es so, dass man immer besser arbeiten kann. Das habe ich immer versucht. Man muss jede Kritik akzeptieren und besonders muss man zu sich selbst korrekt sein. Selbstkritik ist die beste. Man muss akzeptieren, dass man selber auch Fehler gemacht hat. Viele Fehler, nicht nur einen oder zwei. Das ist schwierig, aber dann lebt man besser.

An welche Fehler denken Sie heute noch?
Ein Fehler war, dass ich Ivo einmal rausschmeißen wollte.

Warum?
Die Mannschaft hat Spiele geschaut, aber nicht gesehen. Wir haben zum Beispiel am Anfang meiner Zeit bei Sturm einmal 1:5 in Innsbruck verloren. Das war für mich eine Schlappe. Ich konnte nicht verstehen, warum. Ich habe es aber per Video analysiert und gesehen, dass Ivo in diesem Spiel viele viele Male versucht hat im Mittelfeld zu dribbeln – wenn Ivo das liest, wird er böse sein, aber das macht nichts, denn es ist lange vorbei. Sie haben Ivo im Mittelfeld dribbeln lassen, er hat zu viele Bälle im Zentrum verloren und sie haben uns in ihrem Stadion ausgekontert. Und Ivo hat zufällig bei vier der fünf Gegentore den Ball vorher verloren. Egal ob Ivo oder Messi, das ist zu viel.

War es für Sie jemals eine Option, auf pures Verteidigen zu spielen?
Wenn du gegen Spanien spielst: Können Sie sich erinnern? 9:0. Ahhh. Ich erinnere mich auch, dass wir gegen Spanien verloren haben. Gegen Real Madrid zweimal. Wenn man so offen spielt, du Courage hast und mit Pauken und Trompeten nach vorne maschierst, dann kriegst du fünf Tore. Immer nach vorne. Immer Konter. Seedorf bekommt den Ball, spielt einen Pass. Baba. So lernt man Fußball spielen. Leider so.

Sie bereuen es also nicht?
Kann ich schon. Wenn ich muss, dann kann ich.

(Buben gehen mit Sporttaschen und Fußbällen durch den Raum)

Du hast einen Ball für dich selbst. Bei uns war der, der einen Ball gehabt hat, König. Ich habe eine Tante in Deutschland gehabt. Sie hat mir als Weihnachtsgeschenk einen echten Fußball geschenkt. Ich war der begehrteste Bube im ganzen Viertel, weil ich einen Fußball gehabt habe. Alle haben damit gespielt. Es war der erste echte Fußball – mit einem Loch, ohne Schnürnähte.

Haben Sie den Ball auch verliehen oder haben sie immer mitgespielt, wenn sie ihn hergegeben haben?
Sie haben nicht gefragt, denn sie waren größer als ich. Meine Mutter war eine Sozialistin. Immer, wenn meine Freunde gekommen sind, haben sie gesagt, Ivo hat uns gesagt, dass wir spielen können und sie hat ihn immer hergegeben. Dann bin ich dazugekommen und sie haben gesagt „Nein, du bist zu spät.“ Sie haben mich nicht spielen lassen, obwohl mir der Ball gehört hat. Ich habe mehrere Male einen Fußball gehabt. Ich konnte nichts anderes tun. Nur Fußball spielen.

(“Aha, Mattersburg gegen Liefering. Ivo hat mir gesagt, sie haben drei U21-Spieler.”)

Ihre Frau möchte gehen.
Sie kann gehen. Jeder macht, was er will. Bei uns war es so, dass jeder Spieler gemacht hat, was er wollte. Nein, im Ernst, sie möchte gerne etwas für das Abendessen vorbereiten, denn ich darf nichts mit Salz essen.

Was ist nun letztlich wirklich der Erfolg eines Vereins?
Für mich ist es eine Mannschaft, die etwas bewegt. Nicht ihre Pokale. Eine Mannschaft, die die Masse dazu bewegt, ins Stadion zu kommen und ihr zuzuschauen. Man weiß natürlich auch, dass alle Zuseher kommen, um die Mannschaft gewinnen zu sehen. Manchester Uniteds Kraft ist es, dass jedes Spiel 80.000 Zuschauer ins Stadion kommen und sich sicher sind, dass sie gewinnen werden. Das ist ein schönes Gefühl. Ich habe in Japan mit meiner Mannschaft praktisch alle Spiele zu Hause gewonnen – immer. Die Zuseher sind deshalb gekommen – um uns gewinnen zu sehen.

Für mich ist es eine Mannschaft, die etwas bewegt. Nicht ihre Pokale.

über Erfolg im Fußball

 

Die meisten, die heute in Graz in der Nordkurve stehen und singen, sind mit Ihnen zu Sturm gekommen. Sind Sie sich dessen bewusst?
Das hilft mir nur, dass ich nicht auf dem Platz sterbe. Die Spieler müssen wissen, dass sie auch für die Zuschauer spielen. Alle möchten so was hören, möchten Helden sein. Es ist schön, die Fans zu hören, aber das muss man sich auch verdienen. Ein Leben ist es wert, so etwas zu erleben.

Ist das der größte Erfolg für einen Fußballer? Diese Anerkennung, dieser Jubel?
Wenn ich so eine Anerkennung brauche, um meinen Job zu machen, werde ich keinen Job bekommen. Viele wissen noch immer nicht, wo Graz ist, oder was Sturm ist, was ich gemacht oder nicht gemacht habe.

(Samir Muratovic betritt den Raum. “Endlich kommen die Trainer auch einmal vorbei.”)

Was wünschen Sie Sturm Graz?
Dass Sie wieder einen verrückten Präsidenten wie Hannes bekommen. Einen, der zahlen kann und will, die Nase dafür hat, etwas zu bewegen. Die, die das vergessen haben, haben für mich kein Recht auf Kritik. Ohne Geld geht es nicht. Man muss in diesem Business sehr mutig sein. Der Präsident von Barcelona ist nicht mutiger als Hannes. Wenn Hannes wüsste, dass er so etwas noch einmal wiederholen könnte, wäre er wieder da. So eine Mannschaft zu bauen, die im Moment gegen Barcelona oder so viele andere gute Mannschaften spielt … der kleinste Gegner, den wir hatten, war Galatasaray Istanbul.

Galatasaray war eine Top-Mannschaft.
Für die Türken – für uns nicht.

Und wo ist Hannes jetzt?
Das war Risiko. Die Gerichte haben das nicht verstanden. Was er alles für diese Region gemacht hat. Keiner unserer Gegner hat gewusst, wo Graz überhaupt liegt. Monaco hatte einen Kroaten in der Mannschaft, der gesagt hat: “Ich weiß nicht, wo Graz liegt.” Dann haben sie 2:0 gegen uns verloren, Popovic ist nach dem Spiel zu ihm gegangen und hat gesagt: “Jetzt weißt du, wo es liegt.”

Gibt es Momente, in denen Sie nicht an Fußball denken?
Es ist leichter an Fußball als an Krieg zu denken. Der Film vom Bosnienkrieg ist noch immer in meinem Kopf. Der Sturmfilm ist daneben. Der ist schöner.

Das Gespräch führten Adrian Engel und Lukas Matzinger