SW neu
© SturmTifo.com (Montage)

Schwarz und Weiß

Der Konkurrenz die Daumen drücken?

Salzburg startet heutet gegen Celtic Glasgow in die Europa League. Sollte man als Sturm-Anhänger den Bullen dabei die Daumen drücken? Steht Vereinstreue über allem oder schweißt ein internationaler Bewerb auch Kontrahenten zusammen? Ein Diskurs in Schwarz und Weiß:

Wo liegt die Grenze zwischen Vereinstreue und nationalem Wir-Gefühl im Fußball? In Salzburg spielt es jedes Jahr Europa League, Rapid und Austria Wien sind beinahe Dauergäste im internationalen Geschäft, zwischenzeitlich schaffen es auch Zwerge wie der SV Grödig oder der SKN St. Pölten, sich für einen europäischen Bewerb zu qualifizeren. Sturm Graz krebst seit geraumer Zeit nur in der nationalen Mittelklasse herum. Gibt das für einen Sturm-Fan Anlass, einen seiner Rivalen zu supporten? Im Sinne der UEFA-Fünf-Jahres-Wertung natürlich. Denn da wird für Österreich gespielt. Steht Vereinstreue dennoch über allem oder schweißt ein internationaler Bewerb auch Kontrahenten zusammen? Um diese Frage dreht sich die neue Ausgabe von schwarz und weiß.

S/W PW

Torwalzer statt Zauberflöte

S/W AE

Fremdgehen der Treue wegen

Sturm Graz. Das ist eine Lebenseinstellung, eine Liebe, die nie endet, eine Verpflichtung auf ewig. Sturm-Fan ist man und bleibt man. Es fühlt sich an wie in einer Beziehung. Nur, dass einen der Verein nie verlässt. Es ist ein wunderbares Wechselspiel aus Leidenschaft, Tradition, Unterstützung und niemals endender Treue. Zwischen Fan und Klub herrscht so etwas wie eine Symbiose. Und darüber gibt es nichts. Welchen Grund gibt es dann, einem anderen Verein die Daumen zu drücken, nur weil er international spielt? Keinen! Rapid Wien spielt in der Europa League gegen den HSV und plötzlich wäre einem der Erzrivale aus der Bundeshauptstadt sympathisch? Niemals! Die Austria versucht den FC Porto zu knacken und plötzlich befindet sich der Sturm-Anhang im Champions League Fieber? Unmöglich, diese Vorstellung. Zu groß ist die Rivalität zwischen Wien und Graz. Vereinstreue kennt keine Fünf-Jahres-Wertung, so lautet ein bekannter Ausspruch unter Fußballfans.”Wir lieben uns’ren Klub und scheißen auf Kommerz”, so singt es die Nordkurve gerne auf der Tribüne. Stimmt, da ist ja noch der Konzern in Salzburg, der seit Jahren vergeblich versucht, sich für die Champions League zu qualifizieren. Gewiss wird in der Mozartstadt gepflegter und ansehnlicher Fußball praktiziert, das ist Fußball zum Zungeschnalzen. Und deswegen sollte man nun vor dem Fernseher Salzburger Festspiele feiern und vor Freude zur Zauberflöte tanzen? Nein. Zu tief sind die Narben, die der Verein im österreichischen Fußball hinterlässt. Ein Verein, der einzig und allein einem Konzern gehört, den lokalen Klub von 1933 beinahe ausgelöscht hätte und diesen auch noch damit brüskiert, indem er sich mit dessen Tradition gebärdet. Da ist beim Geldhahn Ende nie, da verkommt die eigentliche Idee des Fußballs, das Miteinander, der Zusammenhalt und die Freundschaft zu einem seelenlosen Event, das rein als Spielball eines Mäzens dient, der nicht zu verstehen scheint, dass Fußball eben mehr ist als ein massentaugliches Spektakel. Blicken wir etwas mehr als 20 Jahre zurück: Sturm Graz ist Mittelklasse, mehr dem Abstieg nahe als in der Lage vorne mitzuspielen. Den neuerdings Fußfesselträger außer Acht gelassen, geschieht etwas womit niemand rechnet. Ein bosnischer Wundertrainer formt aus einem Haufen junger und unerfahrener Kicker binnen kurzer Zeit eine schlagkräftige Truppe. Diese begeistern mit atemberaubendem Fußball das Grazer Publikum. Man erringt zwei Meistertitel und schafft durch eigene Kraft den Einzug in die Königsklasse. Durch harte Arbeit und eine geballte Portion Leidenschaft gelang es Sturm selbst sich international einen Namen zu machen. So sollte das zu erstrebende Ziel lauten. Bestimmt wird man in Graz immer den Anspruch haben international zu spielen. Will man das aber um jeden Preis? In Welcher Relation steht es, als Fünftplatzierter einen Europa League-Startplatz zu haben, ohne selbst recht zu wissen, wie man zu seinem Glück kommt? Wenn die Mannschaft wieder begeisternden Fußball zeigt, ist es unerheblich, auf den Gegner zu blicken und Dingen nachzueifern, die andere haben. Aber die Gegenwart zeigt augenblicklich, dass man sich auch an kleineren Dingen erfreuen kann. An herzhaften Punktegewinnen in Wien oder leidenschaftlichen Siegen in Salzburg.

Text von Patrick Weißenbacher

Hui ist das irrational. Was die Liga-Konkurrenz gegen andere Länder erreicht, nützt der Liga und somit auch dem eigenen Klub. So einfach ist das. Wer das übersieht, ist blind vor eiserner Liebe für den eigenen Klub. Vereinstreue kennt keine Fünf-Jahres-Wertung? Sollte sie aber. Denn wer die eigene Rivalitäts-Romantik vor den Erfolg des eigenen Herzensklubs stellt, ist ganz schön untreu – man betrügt die große Liebe mit sich selbst und seiner sturen Eitelkeit. Gerade in Österreich, in einer engen, beinahe ausgeglichenen Liga, brauchen inkonstante Klubs wie Sturm es einer seit Jahren ist, jedes Pünktchen in der fünfjährigen UEFA-Tabelle. Wer die Pünktchen dafür erspielt, sollte nachrangig sein. Denn will Sturm nach einer matten Saison dennoch die Chance zu haben, in den fernen Stadien Europas zu glänzen, ist der Verein auf die Konkurrenz angewiesen. Nach der Meistersaison hätte Sturm immerhin nicht mehr international gespielt, hätten zwischen der Saison 07/08 und der Saison 11/12 nicht auch andere Klubs wie Rapid, Austria, Ried und Salzburg in der Europa League und ihrer Qualifikation Erwartungen übertroffen. Sturm durfte sich nur gegen Breidablik selbsterfahren, weil in den fünf Jahren zuvor beinahe alle qualifizierten österreichischen Klubs auf europäischer Bühne eine übermäßige Vorstellung lieferten und damit einen vierten Qualifikationsstartplatz für die Liga erspielten. Ohne der ebenfalls erfolgreichen Konkurrenz wäre der vierte Tabellenplatz wie noch vor fünf Jahren, als Sturm ebenfalls Vierter wurde, ein blecherner gewesen. Außerdem: Wer weiß, wäre Sturm auch Vierter geworden, wenn sich das zwei Punkte schwächere Ried nicht zu Saisonbeginn in der Europa League verausgabt hätte und in den ersten zehn Runden fünfmal verloren hätte? Noch verstärkter gilt das ligaweite Gemeinschaftsargument für diese Saison. Bereits der fünfte Tabellenplatz genügt Sturm, um sich wieder einmal an Gegnern abseits von Wiener Neustadt probieren zu dürfen. Ein Ziel, das Sturm und seine Fans immerhin unbedingt erreichen wollen. “Ein Sommer nur am Schwarzlsee??? Wir wollen ans Meer und Europacupflair”, plakatierte die Nordkurve einmal. Der eigenen Mannschaft wegen fliegt man als Sturm-Anhänger schließlich nur nach Island, wenn sich die Mannschaft dafür qualifiziert. In dieser Spielzeit scheinen solche einprägsamen Reisen in der Theorie sehr wahrscheinlich. Dank den starken Leistungen der Austria in der Champions League und den Salzburgern in der Europa League glänzt eine Tabellenhälfte zurzeit wie ein kontinentaler Jahrmarkt. Apropos Jahrmarktglanz: Bei Red Bull und seinen Salzburgern überwiegen andere Argumente. Ob man den marketinggetriebenen Bullen, die stiernäckig für den Verkauf und das Image einer Produktmarke nach vorne pressen, ebenfalls alles Beste wünschen sollte, steht auf einem anderen Bogen Dosenblech.

Text von Adrian Engel