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Glanzparade

Osim Revisited

Knapp ein Viertel der Meisterschaft ist gelaufen. Für die großen Vier der Bundesliga war es aus verschiedenen Gründen ein durchwachsener Beginn. Auch für Sturm. Da war das Interview mit Ivan Osim sehr erfrischend. Und wie immer bei Osim, muss man über so einiges daraus intensiver nachdenken.

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So geht er also dahin, der Sommer, der einerseits seine Rolle als Herbst so unbarmherzig Oscar-würdig verkörpert, und andererseits weder den Nationalmannschaften noch den sogenannten Großklubs viel Sonne bereitet hat. Rapid sah diese gegen Helsinki untergehen und die Roten Bullen aus Salzburg liefen auf biedere Malmö-Schweden auf und wurden glanzlos aus dem Championsleague-Träumeland bugsiert. Das U21-Team reüssierte gegen Spanien, trotz Trainer Gregoritsch, scheiterte jedoch in der Qualifikation. Das U17-Team zeigte auf, obwohl man sich schon Fragen musste, was sich Andi Heraf nur gegen Deutschland gedacht hatte. Und das A-Nationalteam bot zwar eine ansprechende Leistung gegen Schweden, konnte aber nicht vorlegen. Was wirklich Freude macht, sind die zahlreichen Exportkicker – Hinterseer, Liendl, Hoffer, Gartner, Okotie, usw. – die in der 2. Bundesliga unseres Lieblingsnachbarn so richtig aufblühen.

Innerhalb der Meisterschaft scheinen Rapid und Austria nach extrem holprigen Start langsam in Fahrt zu kommen. Die Salzburger sind komfortabler Tabellenzweiter und werden sich mittelfristig sicher durchsetzen, auch wenn die Championsleague-Pleite ein schwerer Schock für Adi Hütters A-Team ohne B-Plan war. Die zerebralen Zahnräder laufen in der Taurinhauptstadt mittlerweile auf Hochtouren, nicht auszudenken, was bei einem Scheitern in der Europa League passieren würde. Insgesamt hält sich das Spektakel im heimischen Fußballsport qualitativ derart in Grenzen, dass man mit dem nervösen Nägelbeißen ruhig schon anfangen darf. Viele unserer Bundesligaklubs werden international spielen müssen. Ja, müssen! Derzeit scheint es so, als ob 10 Vereine mit Höhenangst und Aquaphobie am 10-Meter Turm stünden und jeder den anderen ins internationale Becken stoßen wolle. Aber auch so weit sind wir noch nicht.

Und Sturm? In der jüngsten Geschichte des Fachmediums Ballesterer durch “Fanpotential und Wirtschaftskraft des Grazer Raums” folgerichtig als einer “der vier Großklubs des Landes” geoutet, haben die Grazer den Sumpf der in Belanglosigkeit dahinvegetierenden einstelligen Jäger und Sammler noch nicht verlassen. 8 Punkte, 8 Spiele. Also genau im Plansoll meiner Prognose, die am Ende der Saison zu wohlfeilen 36 Punkten und zum Klassenerhalt führen sollte. Umso erfrischender wirkt, gerade in der momentanen Situation, jenes ausführliche Interview der werten Kollegen Engel und Matzinger mit dem großen Ivan Osim.

Denn schon nach wenigen Minuten fühlt man sich herausgefordert, muss man vor- und zurückscrollen, um so manche Aussage auch nur annähernd zu erfassen. Taktiker, Philosoph, Politiker, Gentleman, Mensch. Osim halt. Erfolgreich ist eine Mannschaft dann, wenn sie “etwas bewegt, nicht ihre Pokale”, meint er. Sturm war zuletzt 2011 erfolgreich. Und die Fans, die wurden im Sud des Scheiterns in der CL-Qualifikation, der Umbrüche, Trainerentlassungen immer desinteressierter an Sturm. Zuletzt wollten nur noch knapp 6.500 Zuschauer “Sturm sehen”. Man fühlt sich nicht abgeholt, Euphorie entsteht und verglüht sofort wieder, man spürt diesen Verein nicht, er bewegt nicht! Das einzige, worin man sich bewegt, ist der kritiklose Raum der steirischen Massenmedien: “Der Klub und die Verantwortlichen haben wenig zu befürchten, ganz egal, wie schief die Optik oder wie mäßig der Erfolg”, schreibt Peter Wagner im Ballesterer. “Damit allerdings blockiert die Verhaberungsmaschinerie sich selbst”, heißt es weiter. Dabei meinte doch Osim: “Man muss jede Kritik akzeptieren und besonders muss man zu sich selbst korrekt sein. Selbstkritik ist die beste.” Wie etwa die von Marco Djuricin nach der Pleite gegen die Admira: “Jedesmal der gleiche Scheiß, da g’winnst einmal gegen eine super Mannschaft und dann zerstörst dir wieder alles mit so einem Spiel […] Da kannst du nicht gewinnen mit so einem Spiel.” Er möge laaaange bei Sturm bleiben!

Sturm hat kein Qualitäts-Problem, allerdings “nicht viele Spieler, die es gewöhnt sind, in einem engen Raum zu spielen […] sie versuchen, sehr schnell zu spielen, machen dabei aber auch viele Fehler […] wenn sie den Ball stoppen, bei der Ballübergabe, bei langen Pässen und so”. Genau darin liegt das Problem der Heimpartien – man will, kann aber nicht. “Irgendwie tun wir uns vielleicht leichter wenn wir nicht das Spiel machen”, meinte auch Djuricin. Doch die “Leute kommen nicht für nichts – sie wollen etwas Schönes sehen”, sagt Osim. Ob Sturm tatsächlich schön spielt, bleibt dahingestellt. Vielleicht tun sie es. Gegen Salzburg war es lange Zeit so, gegen Rapid die letzten 20 Minuten. Alles auswärts. Daheim ist alles anders. Ein oft unermüdliches Anrennen, das zu wenig Zählbarem führt. Also bleiben die Leute aus, denn im Fußball zählen Ergebnisse, nicht Ästhetik. Oder, Herr Osim? “Tore sind schön, aber Pässe sind noch schöner,” meint er. Es geht also nicht “immer ums Vollenden” (Zitat aus “Der Nino aus Wien”). Das Scoreboard kann Freude bereiten, Erfüllung aber eben nicht unbedingt. Man kommt Osim hiermit schon näher. Problematisch wird es, wenn zuhause weder das eine, noch das andere klappt. Im Wissen darüber bleiben selbst mit einem Erfolg in Salzburg die Leute aus. Schwierig.

Dass sich der Bosnier “einen verrückten Präsidenten wie Hannes”, zurückwünscht, “einen, der zahlen kann und will, die Nase dafür hat, etwas zu bewegen.” ist ein anderes Thema. “Die, die das vergessen haben, haben für mich kein Recht auf Kritik. Ohne Geld geht es nicht. Man muss in diesem Business sehr mutig sein.” Sehr schwierig ist das, vor allem auch deswegen, weil Osim ja einerseits die Regentschaft des Geldes kritisiert: “Alle reden immer nur über Geld. Ich habe vorgestern Bosnien gegen Zypern gesehen. Die Bosnier haben verloren und die Sprecher haben die ganze Zeit über Geld geredet […] Immer nur Geld, Geld, Geld.” Was Sturm unter Kartnig erreicht hat, ist die eine Geschichte, dass Sturm an Kartnig fast zugrunde gegangen wäre, die andere. Hier wurde genug gepoltert, in Österreich generell. Geld hat längerfristig nur Chaos in den österreichischen Fußball gebracht, egal ob da ein Scheich bei der Admira die Hände im Spiel hatte, ein kanadischer Onkel bei der Austria oder eben schwergewichtiger Sonnenkönig am Sturm-Thron saß. Und auch wenn man nach Salzburg blickt, kann man beileibe nicht von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Wenige Zuschauer, kontinuierliches Scheitern an internationalen Zielsetzungen, problematische Fanpolitik, dafür aufgezwungene Event-Kultur. Und ob man dem Fairplay-Gedanken auf finanzieller bzw. transfertechnischer Linie entspricht, darf massiv bezweifelt werden. “Ein Fußballverein ist ein Casino”, sagte Kartnig vor ziemlich genau einem Jahr im Interview mit Sturm12.at. Braucht man “Mut”, um im Casino zu setzen? Eher Naivität, gute Nerven und diese Grasser’sche Teflon-Mentalität. Und überhaupt: Sturm Graz im Jahr 2014 scheitert immer wieder – nicht am Geld.