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© 2013 Sturm12.at (MZ)

Interview des Monats - Helmut Kronjäger

"Das System Fußball macht krank"

Zum Andenken an Helmut Kronjäger verweisen wir an dieser Stelle noch einmal auf ein Interview, das im Februar 2013 von Markus Zottler und Heimo Mürzl geführt wurde. Ein Gespräch über sein Leben, seine Krankheit und seinen Herzensverein. Worte eines Kämpfers:

© Helmut Kronjäger
© Helmut Kronjäger (mit Ekrem Dag)

“Ich esse normal, gönne mir ab und zu ein After Eight und nehme ab, 75 kg, habe ich jetzt, das ist nicht mehr sehr viel. Nachtschweiß, Angstträume, positive Nachrichten alles habe ich in den letzten Monaten, Woche, und Tagen erlebt.”

Es sind bewegende Worte, die Helmut Kronjäger im Moment in regelmäßigen Abständen auf seine Homepage stellt. Worte, die für ein bald 60 Jahre andauerndes Leben voller Höhen und Tiefen stehen – verschrieben dem Fußballsport. Ein Leben, das aber auch von zwei Krebserkrankungen geprägt ist. Anfang der 90er-Jahre kämpfte der Querdenker mit Teamcheferfahrungen in Bhutan und auf den Salomonen gegen Brustkrebs. Seit dem vergangenen Jahr ist der Lymphknotenkrebs sein ständiger, unangenehmer Begleiter.

Bei Sturm agierte Kronjäger jahrelang als Spieler, Assistent von Ivan Osim, Jugendleiter und Amateure-Trainer. Trotz Stopps beim ÖFB, der Wiener Austria und in Ried schlug das Herz  immer ein wenig schwarz-weiß. Viele Erinnerungen hat er an den steirischen Traditionsverein, ein Anliegen ist es ihm, an Burschi Jarz zu erinnern. Eine Sturm-Legende, die mit “privaten Geld und seinem Scoutingsystem so viele Talente zu Sturm gebracht hat” (Kronjäger).

Zu den Plänen der neuen Steiermark-Akademie und präsidialen Jubel-Sagern der letzten Tage merkt der langjährige Sportdirektor des Steirischen Fußballverbandes mit der ihm eigenen feinen Ironie an: “Ich dachte Sturm hätte schon die beste Akademie. So wurde es mir bei Fusionsgesprächen immer gesagt.”

Das Gespräch beginnt in diesem Falle mit der schwierigsten aller einfachen Fragen.

Herr Kronjäger, wie geht es Ihnen?
Ich bin körperlich in Wahrheit ein Wrack. Mir geht’s da nicht um die ausgefallenen Haare, es geht um körperliche Befindlichkeiten. Meine Freunde sagen ja, dass ich nie ein Gefühl im linken Fuß gehabt hab, aber jetzt ist es halt amtlich. Die Nervenleitgeschwindigkeit zeigt, dass der linke Fuß tot ist – und es wird auch keine Chance geben, dass sich die Nerven wieder regenerieren.

Sie haben sich entschieden, über die Erkrankung sehr offensiv und öffentlich zu sprechen. Erlebte Schmerzen verpacken Sie auf Ihrer Homepage in Texte, der körperliche Verfall wird bildlich festgehalten. Welche Reaktionen gab es dahingehend?  
Es gab viele positive Reaktionen. Aber auch drei negative. Zwei Leute haben gefragt, wen das interessieren soll, und einer war per Mail richtig bösartig. Natürlich unter dem Mantel der Anonymität. Auch mit meiner Frau gab es eine heftige Diskussion. Aber mir hilft diese Form der Aufarbeitung.

Sie haben den Krebs schon einmal besiegt. Auch jetzt hat man nicht das Gefühl, dass Sie an ein Aufgeben denken.
Ich hätte letztens mein schmerzstillendes Opium-Pflaster wechseln sollen. Und ich hab es einen Tag lang hinausgezögert. Worauf ich an dem Tag solche Schmerzen gehabt hab, dass ich mir gedacht habe, jetzt ist alles vorbei. Aber es war nicht vorbei – und ich bin sogar trainieren gegangen. Weil ich gewusst hab, danach geht’s mir besser. Ich geb nicht gleich auf, nur weil es weh tut. Solche Erfahrungen möchte ich weitergeben, um auch andere Leute mit ähnlichen Herausforderungen zu ermuntern.

Sie wollen das Erlebte auch in einem Buch aufarbeiten.
Ja, ich arbeite mein Leben in Form einer Biografie auf. Jüngst hatten wir, ein Journalist unterstützt mich dabei, ein kleines Jubiläum. 150.000 Zeichen. Das Bücherl wird also wohl mehr als 200 Seiten haben. Im Moment schreiben wir gerade über die Vorbereitung zu einem Spiel Sturm gegen Ried in Graz. Ich war Ried-Trainer, Ivan Osim Sturm-Coach. Er ist für mich mit Abstand der beste Trainer, der je in Österreich war. Unser Verhältnis war ähnlich jenem zwischen Vater und Sohn. Die schwarz-weißen Erinnerungen sind deswegen relativ frisch. Sturm beschäftigt mich.

Gab es in jüngster Zeit Überlegungen, wieder bei Sturm zu arbeiten?
Ich hab mit Christopher Houben ein sehr gutes, sehr langes Gespräch geführt. Mein Ruf, kritisch zu sein und vieles zu hinterfragen, verhinderte Engagements in der Vergangenheit häufig. Ich weiß das, ändern werde ich mich trotzdem nicht. Bevor es mit Sturm konkret wurde, kam aber die Krankheit dazwischen.

Eine Ihrer Thesen besagt, dass Fußball krank macht.
Das System Fußball macht krank. Sobald man sich mit dem Sport Fußball intensiv beschäftigt, schlägt das auf die Seele. Außer ich sage, mir ist das alles egal, ich bekomm ein schönes Geld und über alles andere mach ich mir keine Gedanken. Die Nachhaltigkeit bleibt eigentlich auf der Strecke – beziehungsweise ist sie in diesem System nicht vorhanden. Nehmen wir doch den Jugendfußball als Beispiel. Wenn die finanzielle Not da ist, wird der Stellenwert der Jugend plötzlich wieder höher. Das war auch bei Sturm immer so. Deswegen hab ich zum Verein wohl ein gespaltenes Verhältnis. Ich hab den Johnny Ertl von Feldkirchen zu Sturm gebracht. Sturm hat ihn niveaulos entfernt und später wieder teuer zurückgekauft.

Auch Ihr Abgang von Sturm verlief 1997 nicht ganz reibungslos.
Man hat eine Vertragsverlängerung immer wieder rausgeschoben. Keiner hat Entscheidungen getroffen, das hatte bei Sturm zu dieser Zeit System. Dann bin ich zur Austria gegangen. Wie ich dort angekommen bin, haben wir ein Budget von 10 Millionen Schilling gehabt – ohne Ausgaben für die Amateure. Bei Sturm waren es zwei Millionen, mit Amateure.

Sie sagen, dass es leicht ist, in Österreich als Trainer zu arbeiten.
Es ist leicht, in Österreich Erfolg zu haben. Aber es nicht leicht, hier zu arbeiten. Es sind kaum Innovationen möglich. Als Trainer reicht es, wenn man mitschwimmt. Wenn du es ernst nimmst und Dinge verändern willst rennst du irgendwann einmal mit dem Schädl gegen die Gummiwand. Bei uns in Österreich wollen wir alles verändern aber es muss alles gleich bleiben. Das ist unser Problem. Vor zehn, zwölf Jahren hab ich gesagt, unsere Trainerausbildung ist schlecht. Ich war plötzlich der Böse, der Nestbeschmutzer, wurde von allen Seiten attackiert.

Schwächen festzustellen ist der erste, einfachere, Schritt. Was aber muss verändert werden?
Ich will keine Trainer mit Vergangenheit, ich will Trainer mit Zukunft. Es nutzt nichts, wenn jemand in Österreich ein großer Fußballer war. Offiziell hat heute ein jeder die gleiche Chance, aber das Punktesystem bewertet Spielerkarrieren noch immer recht hoch. Außerdem wird interveniert, die Ausbildner freuen sich über große Namen. Wir jubeln ehemalige Sportgrößen in den Himmel und halten dabei eine Tradition hoch, die es gar nicht gibt. Was haben unsere Fußballer, mit einzelnen Ausnahmen, international für eine Bedeutung? Bei Sturm hat einmal ein Aktiver aufgehört. Ich hab dann mit ihm gesprochen und er hat mir erklärt, dass er nicht weiß, was er jetzt machen wird. Entweder Manager, oder Akademieleiter oder halt “irgendwas im Markting”. Ohne Ausbildung, ohne Erfahrung. Das ist unglaublich. Die Fehleinschätzungen unserer Burschen sind ein großes Hindernis. Und wehe man kritisiert ehemalige Größen.

Man spürt, dass Sie ein Problem mit ausgeprägtem Bewahrertum haben. Dahingehend müsste Sie der aktuelle Sturm-Coach, Peter Hyballa, ja begeistern.
Begeistern tut er mich dann, wenn eine Krise auftaucht und er gut rauskommt. Bis jetzt läuft es ja sehr gut. Grundsätzlich halte ich viel von ihm. Ich hab das Gefühl, dass er sich nichts dreinreden lässt. Mir gefällt das, auch wenn er sich im Vorstand dabei sicher nicht nur Freunde gemacht hat. Aber so kann er frei und unbeschwert arbeiten. Er zieht sein “Ding” durch. Die Art und Weise der Abgänge von Mario Haas und Flo Neuhold haben mir allerdings überhaupt nicht gefallen.

Sie waren lange beim ÖFB und später auch beim steirischen Fußballverband. Wie haben Sie in dieser Zeit die Jugendarbeit von Sturm gesehen?
Ich war zehn Jahren bei österreichischen Nationalteams, in allen Altersstufen. Ich hab in dieser Zeit nie jemanden von Sturm gesehen – sei es bei der steirischen Auswahl oder im Nationalteam. Red Bull hat quasi bei jedem Training zwei Scouts dabeigehabt. In steirischen Landesverbandsausbildungszentren (LAZs) hab ich Präsentationen erlebt, bei denen Sturm sich einzig durch Überheblichkeit ausgezeichnet hat. Und das sag ich jetzt als jemand, der noch immer viel für diesen Verein empfindet. Aber die Sturm-Auftritte waren häufig frei nach dem Motto: “Wir sind die Besten. Und wenn ihr glaubt, ihr seid die Besten, dann kommt’s zu uns.”
Der GAK zum Beispiel, ich erinnere mich da konkret an eine Situation in Weiz, kam mit Videos, Autogrammkarten, Schals. Die zeichneten ein durchgehend sympathisches Bild des Vereins. Und da wundert man sich dann, dass Sturm lange Zeit quasi kein steirisches Talent bekommen hat?

Zurzeit sind Akademien im Jugendfußball in Mode. Kritiker sagen…
Jaja. Die Individualität wird von allen verlangt und gepredigt, aber wehe es fällt einer aus der Reihe.

Sollte man die Akademien dann nicht besser gleich wieder abschaffen?
Nein, die sind grundsätzlich schon in Ordnung. Aber lieber wären mir mehr LAZs und weniger Akademien, damit die Leistungspyramide insgesamt verschoben wird. Bei einem 13-Jährigen trau ich mich einfach nicht sagen, der wird was, oder der wird nichts – trotz meiner langjährigen Erfahrung. Deswegen brauchen wir zunächst eine breitere Basis, mit regionalen Vereinen und LAZs. Bei 17-Jährigen sollten die Vereine der Bundesliga und zweiten Liga dann eingeladen werden und Angebote machen. Es bringt nichts, wenn man einen 10-Jährigen aus Radkersburg dreimal die Woche zum Training nach Graz fährt und dann wieder abholt.

Peter Hackmair, ein ehemaliger Spieler von Ihnen, war erst 25, als er sein Karriereende bekannt gab. Weil er im Fußball nicht mehr “glücklich” wurde, wie er selbst sagte. Ein Einzelschicksal oder doch ein Zeichen der Zeit? 
Ja, der Hacki hat sich nicht mehr rausgesehen. Wie zum Beispiel auch der Klausi Salmutter, ein ständiger Hinterfrager. Da gibt’s in den letzten Jahren eine wahnsinnige Dunkelziffer. Viel zu viele hören gefrustet auf. Bei der Austria war das eine zeitlang unglaublich stark. In Hollabrunn gab’s Zustände, unglaublich. Am Abend hatten Erzieher die Aufsicht, die natürlich keine Beziehung zu den Spielern aufgebaut hatten. Ein Talent braucht Atmosphäre, braucht ein familiäres Umfeld, damit es sich entwickeln kann. Der Fitnessraum beeindruckt beim ersten Mal Anschauen. Aber es ist halt nichts dahinter. Das Ziel einer Sturm-Akademie muss es sein, den Eltern eines Spielers versprechen zu können, dass ihr Kind bei Sturm “glücklich” sein wird. Dann zeigt der Fußball auch sein schönes, sein attraktives Bild. Aber das muss man zunächst einmal als Verein leben.

Glück ist für Sie also nichts Zufälliges?
Glück bedeutet Anerkennung. Meine Leistung muss anerkannt werden, kann durchaus auch kritisch betrachtet werden. Es darf aber nicht ins Menschliche gehen. Es gibt Trainer, die in der Kabinenansprache geschrien haben und dabei sehr tief gegangen sind. Einer davon ist heute sogar Nationaltrainer.

Sie waren eine zeitlang als Nationaltrainer in Bhutan. Dort hat Glück eine völlig andere Bedeutung, steht sogar im Verfassungsrang.
Ich hab viel gelernt in Bhutan, vor allem von den Spielern. Die bekommen nichts, und reisen zum Training oft stundenlang an. Wir haben einmal in Pakistan gespielt. Eine Anreise mit dem Bus, 56 Stunden. Aber meine Spieler haben sich gefreut wie die kleinen Kinder. Ich hätt’s so gerne gehabt, dass diese Kicker einmal zu uns kommen und auf einem richtigen Rasen spielen. Die würden sich da wahrscheinlich gar nicht reingehen trauen. Bei uns steht aber immer der Leistungsdruck im Vordergrund. Zugleich wollen wir trotzdem kreative Spieler haben. Spielfreude und Kreativität hast du aber nur, wenn du dich wohl fühlst.

Was zeichnet einen kreativen Spieler aus?
In unserem Verständnis ein Spieler, der die Situation erkennt, den Pass in die Tiefe spielt, ein Spiel lesen kann. Man kommt aber recht bald dahinter, dass viele Trainer immer nur von technischen Fertigkeiten sprechen, wenn sie von einem kreativen Spieler erzählen. Aber kreativ würde es ja auch sein, wenn der Spieler lustig ist und auf das eigene Tor schießt. Also was Unvorhergesehenes macht.

Das mutet jetzt etwas zu radikal an.
Ich versuch es mit einem Beispiel zu illustrieren. Ein Spieler aus dem Iran hat in einer meiner Mannschaften sein Fußballdebüt gegeben. In der 20. Minute hat der aus gut 20 Metern die Querlatte getroffen. Wirklich ein wunderbarer Schuss, aber halt Querlatte. Er hat trotzdem gefeiert und ist auf den Knien in meine Richtung gerutscht. Ich hab ihm gesagt, dass es kein Tor war, worauf er geantwortet hat: “Trainer, ich hab den Ball so getroffen, wie man ihn treffen soll. Ist das nicht geil?” In dem Moment hab ich einiges kapiert. Das ist Fußball!

Der wirtschaftliche Aspekt wird immer bedeutender. Ein Lattenschuss kann heute über Millionen Euro entscheiden. Fußball als Spiel funktioniert dahingehend in seiner Ursprungsform nicht mehr. Und die gesunde Balance zwischen den beiden Polen zu finden ist extrem schwierig, eigentlich unmöglich.
Warum soll das nicht gehen? Es ist ein scheinbar unlösbares Problem. Aber nur, weil sich niemand mit dem Problem wirklich auseinandersetzt.

Der einfache Weg ist der sichere Weg. Und hält mich im Normalfall länger im Traineramt.
Man verschiebt damit doch nur den Rauswurf zeitlich etwas nach hinten. Das hat sehr viel mit unserer Seele zu tun. Der Trainer ist schon mal zufrieden, wenn er Trainer geworden ist und davon leben kann. Das wollen viele aufrechterhalten und riskieren dahingehend nichts. Sie passen sich einfach an. “Wird scho irgendwie gut gehen” – den Funktionären erspart das viele Probleme. Der Hyballa ist da anders. Deswegen glaub ich, dass der a) ein guter Mann ist und b) das Vertragsende nicht leicht erreichen wird.

Definieren Sie Lebensfreude seit der zweiten Krebsdiagnose eigentlich anders?
Die Ärzte haben mir gesagt, es ist ein Lymphknotenkrebs und man müsse sehr schnell handeln. Sonst steh ich das nicht durch. Ich bin dann nach der Diagnose im Bett gelegen und hab mir gedacht, was eigentlich mein letzter Wunsch wäre. Und mir ist nichts eingefallen. Weil ich in mir glücklich bin. Ich brauch keinen Sonnenuntergang auf Madagaskar mehr zu sehen.

Das Interview führten Markus Zottler und Heimo Mürzl