12 Meter

Anspruch und Wirklichkeit

Das Eine ist das was man sagt, das Andere ist das was man tut. Und manchmal ist auch das Gesagte inhaltlich sehr weit voneinander entfernt. Oder es unterliegt über die Monate und Jahre einem osmotischen Prozess. Unter dem Strich bleibt der fehlende rote Faden in der Darstellung der Sachverhalte. Das gilt für die Führungsebene, die Mitarbeiter und auch die Spieler des SK Sturm.

© Sturm12.at
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Der Titel dieser Geschichte soll nicht in die Irre führen. Es wird nicht ums Sportliche und die damit verbundenen Erwartungshaltung gehen. Die erhöht der neue Trainer ohnehin selbst ausreichend. Nachdem es unter Darko Milanic erstmals ein relativ moderates Maß dazu gegeben hat, spricht Franco Foda wieder von möglichen Titeln in Graz. Kann positive Effekte, Stichwort Aufbruchsstimmung, haben. Kann aber auch in die Hose gehen, weil genau solche Sager wird man ihm um die Ohren werfen, wenn der sportliche Motor ins Stocken gerät bzw. nicht richtig anläuft. Zugleich wird Christian Jauk nicht müde, die Erwartungshaltung nach außen konsequent niedrig zu halten. Jahrzehntelang hätte man den Klassenerhalt als Erfolg gefeiert, sagt er immer wieder gerne. Der Titel “Anspruch und Wirklichkeit” in diesem 12 Meter meint Beispiele wie dieses. Es meint die Dialektik rund um den SK Sturm, vor allem hinsichtlich des öffentlich gesprochenen Wortes und dem tatsächlichen Tun einiger Protagonisten. Auf unterschiedlichsten Ebenen fehlt hier der rote Faden.

Seit der Generalversammlung von 2012 und all den Dingen, die seit damals rund um die Schwarz-Weißen passiert sind, sieht sich der Präsident während seiner Amtsperiode bei der Mitglieder-Infoveranstaltung diese Woche mit viel Kritik, ja, teilweise mit einem “Gegensturm” konfrontiert. Es solle nicht immer alles schlechtgeredet und mehr Geduld geübt werden, ist der Tenor. Zugleich sagt der Sturm-Boss im gleichen Referat, man müsse sich natürlich für seine Entscheidungen verantworten und sich eben der Bewertung aussetzen. Diese Kritik müssten sich die Verantwortlichen auf allen Ebenen gefallen lassen. Also was nun? Ungerechtfertigter Kritik-Sturm oder völlig logische Folge von einigen Fehlentscheidungen?

Diese Fehlentscheidungen räumt der Präsident nämlich ein, bei seinem Vortrag. Vor allem personell sei man nicht immer richtig gelegen. Nach seiner Ansicht liege das aber darin begründet, weil man eben einige mutige Versuche gemacht hätte. Das müsse man jenen, die etwas Neues versuchen nämlich zugestehen. Das stimmt wohl und es sei den innovativen Geistern unbenommen, den einen oder anderen Lapsus bei einem Neubeginn zu vollziehen. Allerdings ist es im Falle der Personalpolitik des SK Sturm unter Christian Jauk schon notwendig, eine Sache zusätzlich anzumerken: Fehlentscheidungen beim Start: ja. Aber wie sie zustande gekommen sind macht einen großen Unterschied in der Nachbetrachtung. Beispiel eins: Paul Gludovatz. Das von den Sturmverantwortlichen selbst definierte Anforderungsprofil für den sportlichen Geschäftsführer erfüllte jener nicht einmal zu einem Drittel. Wenig verwunderlich, dass Gludovatz mit dieser Position dann wenig kompatibel war.

Beispiel zwei: Ayhan Tumani. Er ist vom Co-Trainer zum Nachfolger von Gludovatz aufgestiegen. Der neue Sportchef wurde erst Monate nach dem Ausscheiden des Burgenländers ins Amt gehievt. Inzwischen hat sich der damalige wirtschaftliche Geschäftsführer Christopher Houben mit seiner Doppelbelastung, beide Ämter interimistisch auszufüllen, derart aufgerieben, dass er entnervt das Handtuch geworfen hat. Tumani hätte jedenfalls dem “adaptierten Anforderungsprofil” entsprochen und wäre der beste aus einer Reihe von Kandidaten gewesen, sagte Jauk damals im Sturm12.at-Interview. Von dem besten Mann trennte man sich wenige Monate und viele Mühen später sang- und klanglos wieder. Fazit: Fehlentscheidungen beim Durchstarten seien jedem verziehen. Derartiges personelles Missmanagement von Personen, die alle privatwirtschaftlich Führungspositionen mit Personalverantwortung bekleiden, kann man allerdings im Nachhinein nicht lapidar mit: “Wir waren eben mutig, da klappt nicht alles”, abtun.

Auch beim Thema “Hauptsponsor Puntigamer” klaffen das vom Podium Verkündete und die Rechercheergebnisse aus dem Berichterstattungsarchiv durchaus auseinander. Es gäbe einen Vorstandsbeschluss, der besagt, der Sponsorname bleibe so lange im Vereinsnamen, solange Puntigamer Hauptsponsor sei, heißt es vom Rednerpult. Vielleicht hofft Christian Jauk hier auf das Kurzzeitgedächtnis der interessierten Beobachter? Fakt ist jedenfalls, dass diese Causa damals anlässlich der Entfernung des Sponsorschriftzuges aus dem Logo noch anders geklungen hat. Bei der Pressekonferenz zur Vertragsverlängerung mit dem Bierbrauer und der Präsentation des Logos ohne Sponsorschriftzug im Februar 2013 ließ General Manager Gerhard Goldbrich nämlich wissen, dass das Thema des sponsorfreien Vereinsnamens “in eine künftige Verhandlung sicher mit einbezogen” wird. Heißt: nach Ende des laufenden Vertrages mit Puntigamer könnte das Thema bei einer Neuverhandlung durchaus wieder angegangen werden. Inzwischen hat es also einen Vorstandsbeschluss gegeben, der dem widerspricht. Soso. Wer kann sich erinnern, dass das jemals bis zum letzten Dienstag so kommuniziert worden ist? Ich mich nicht.

Aber nicht nur auf struktureller, auch auf Ebene der Spieler gibt es Widersprüchliches zu berichten. Oftmals heißt es ja, im Grazer (Medien-)Umfeld würde so viel Unruhe rund um den SK Sturm erzeugt. Siehe auch den “Gegensturm”, den Präsident Jauk ausgemacht hat. Schlimmer als anderswo wäre das, die Spieler wären derart unter Druck, bei anderen Klubs sei das nicht so schlimm. So oder so ähnlich verhielte sich das, werden Spieler, Gerhard Goldbrich und Christian Jauk nicht müde zu betonen. Es sei den Kickern deshalb nicht zu verdenken, wenn sie Medienkontakte, vor allem jene mit Internetmedien, wo es auch noch die bösen Kommentare unter den Geschichten gibt, meiden würden. “Egal, was ich gesagt habe, alles wurde negativ ausgelegt. Da habe ich mir einige Watschen abgeholt. Letztlich habe ich gemerkt, dass es ein Kampf gegen Windmühlen ist”, jammert demzufolge letztens der Sturmgoalie in die Sportwoche. Christian Gratzei, der arme Don Quijote. Es sei hier ergänzt, dass Gratzei in mittlerer und jüngerer Vergangenheit alle Gesprächsangebote ausgeschlagen hat und es ist mehr als bezeichnend, dass sein erstes Interview nach einer gefühlten Ewigkeit dann stattfindet, wenn er meint, sportlich wieder Oberwasser zu bekommen. Aber dass er und seine Sancho Panzas teilweise eine Haut, dünn wie Pergamentpapier haben, ist nichts Neues. Interessanterweise sind das genau jene Spieler in den Reihen des SK Sturm, die noch nie erfahren haben, was es bedeutet, in einem medial wirklich heißen Umfeld zu spielen.

Jene, die schon ein wenig über den Tellerrand geblickt haben, sehen das anders. “Wenn ich ehrlich bin, finde ich es lustig, wenn es immer heißt, in Graz sind so viele Medien. Von dem her ist es gut, dass ich in Berlin groß geworden bin. Denn das ist nicht normal, das kann man nicht vergleichen. Wenn du dort in der Nase gebohrt hast, ist das auch in der Zeitung gestanden. Da ist Graz mit den fünf, sechs Leuten, die hier sind, wirklich klein für mich. Aber okay, es ist für jeden Typen etwas anderes”, rückt Stürmer Marco Djuricin hier im laola1.at-Interview die Dinge wieder ein wenig zurecht. Auch der Russe Naim Sharifi erklärte unlängst bei unseren Partnern vom Ballesterer, im Vergleich zu den russischen Medien sei alles was hier passiere harmlos. Es sind also bei den Schwarz-Weißen intern die Dinge oftmals auch grau und nicht immer nur rein schwarz oder weiß. Wenn es also heißt, “die Spieler” hätten es so schwer, greift das wohl zu kurz. Schwer haben es wohl nur jene, die es sich aufgrund eines gewissen fehlenden Weitblicks (befördert durch ihre ebenso kurzsichtigen Vorgesetzten) selbst schwer machen.

“Fußball ist mehr als nur Erfolge, ein Gefühl der Solidarität, des gemeinsamen Wirkens.” Diese schönen Worte trug der Präsident den Sturm-Mitgliedern beim Info-Abend abschließend vor. Klingt gut, unterschreibt wohl jeder Fan ohne zu zögern. Dass Christian Jauk dem Anlass entsprechend einiges an Kreide geschluckt hat, sei ihm außerdem nachgesehen. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass der gleiche Mann in der Nacht vor der Bestellung von Franco Foda jenen Satz in sein Mobiltelefon getippt hat: “Nur der Erfolg zählt in diesem Business. Wir haben viel Konzentration auf den Rest gelegt, das ist irrelevant, wenn nicht die Erste gewinnt.” Er weiß eben selbst nur zu gut, dass er sich wieder in die Gruppe jener einreihen kann, zu denen er bei der Mitgliederversammlung gesprochen hat, wenn sein Clou mit Franco Foda nicht funktioniert.