Glanzparade

Peinlichkeiten

Vor (fast) vollen Rängen musste sich Sturm gegen Rapid 1:3 geschlagen geben. Doch nicht der Spielausgang blieb am Ende hängen, sondern die weitgehend feindselige Stimmung von den Rängen. Derartige Schmähungen wie am Samstag gegen Florian Kainz und Robert Beric könnten in Zukunft allerdings Geldstrafen für den Verein zur Folge haben. Vielleicht kommt ja dann, wenn es um die Kohle und nicht nur ums Image geht, eine Reaktion der Sturm-Verantwortlichen.

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© Sturm12.at

Ein fast volles Stadion Liebenau erfreute vergangenen Samstag sicher nicht nur die wirtschaftliche Geschäftsführerin Daniela Friedl, sondern auch Spieler und Fans, die nach langen Monaten der gähnenden Stadionleere endlich wieder Hexenkesselstimmung miterleben und mitgestalten durften. Es war ein hitziges und durchaus spannendes Spiel, allerdings mit einigen Schönheitsfehlern: Eine zwar nicht unverdiente, aber im Grunde vermeidbare Niederlage auf der einen Seite und ziemlich peinliche verbale Aussetzer seitens der Fankurve auf der anderen.

Womit wir auch schon bei der Sache wären. Was da in prä- und postpubertären, wachstumshormonellen und grenzdebilen Schüben auf Florian Kainz und teils auch Robert Beric abgefeuert wurde, war unwürdig. Und um die Sache klarzustellen, weder fühle ich mich der politischen Korrektheit verhaftet, noch hab ich am Moralapostolischen Institute of Politcal Correctness mein Diplom abgelegt. Doch was am Samstag in, aber auch jenseits der Kurve an verbalen Entgleisungen abging, hat mit kurzzeitigem Abhandekommen des verbalen Feingefühls schon gar nichts mehr zu tun: “Jene die auf politische Korrektheit Wert legen, sollen sich mal kurz die Ohren zuhalten”, klang aus dem Lautsprecher in der Kurve. Diese Ansage ist genauso entbehrlich, wie sinnlos. Entweder bin ich mir bewusst, was ich da jetzt anstarte oder ich brauch mich nicht dafür entschuldigen. Wenn ich weiß, dass das nun Folgende schlichtweg Bullshit ist, dann kann ich gleich drauf verzichten oder ich zieh es durch und steh auch dazu. So klingt es aber nach: “Mir tut das mehr weh, dass ich dir jetzt eine hauen muss als dir, glaub mir.”

Und um nochmal zu unterstreichen, was ich an selbiger Stelle schon vermerkt hatte: Das Stadion muss kein Ort der verbalen Zimperlichkeit sein. Die Atmosphäre darf und soll aufregend, kontroversiell, hitzig und leidenschaftlich sein. Und meine Güte – ja, man darf sich auch verbal ruhig mal im Ton vergreifen. Soweit ich nämlich weiß, gibt es an den Kantinen weder Pfand auf Sektflöten noch werden Kaviarbrötchen nach dem Spiel um ein Euro pro Stück aus dem Plastiksackerl abverkauft. Das Stadion oder der Fußballplatz vermitteln eine Art Lebensgefühl, das ruhig auch außerhalb des guten Tons und der honorigen Kaffeekränzchen-Kultur seine Entfaltung finden darf. Doch dafür gibt es klare Grenzen und diese Grenzen sind nicht durch Nationalratsbeschlüsse oder Anti-Diskriminierungs-Initiativen definiert, sondern liegen innerhalb der Breiten unseres gesunden Menschenverstandes. Und “Florian Kainz, du Sohn einer Hure” aus hunderten Mündern aus der Kurve schallend bzw. mehr als nur vereinzelte “Beric, du Jugo-Sau, stirb”, haben mit Fantum oder Lebenseinstellung nichts zu tun. Einen Protagonisten auf seine Äußerungen angesprochen, war dieser relativ uneinsichtig, dass seine offen gelebte rassistische Verbalaggression inklusive physischer Gewaltandrohung auf wenig Gegenliebe gestoßen ist. Generell sind derartige Entgleisungen nicht nur peinlich, sondern rücken den Verein inklusive seiner Fanklubs in ein ziemlich schlechtes Licht, auch wenn diese Dinge nicht aus dem Megaphon des Vorsängers sondern aus den Untiefen der Nordkurve hervorgerülpst werden. Und dass man mit einem Sauschädel ins Stadion überhaupt reinkommt, entzieht sich meiner Logik… obwohl… ich ziehe diese Anmerkung zurück.

Doch es ist immer wieder faszinierend, dass dem Ganzen tatsächlich noch die Krone aufgesetzt werden kann. So meinte Redakteur Peter Linden doch tatsächlich in der gestrigen Ausgabe der Zeitung, dass Robert Beric auch am Mittwoch ein Tor gegen seinen Ex-Klub zu wünschen wäre, um “den Grazer Fans”, also allen, der Gesamtheit sozusagen, so “eine Antwort” zu geben. Und wer bitte sei die “Avanti Brigatta 94″, fragt sich Peter Linden außerdem, der angebliche große Kenner des österreichischen Fußballs? Nicht nur manche Fans sind peinlich. Fassungslos sitzt man dann da beim morgendlichen Zeitungsstudium und hofft auf einen plötzlichen Temperatursturz, damit diese Seiten irgendeine sinnvolle Verwendung finden und der Kamin endlich in Betrieb genommen werden kann. Objektiver Qualitätssportjournalismus im Kleinformat, eine rare Spezies in der österreichischen Medienlandschaft.

Auf alle Fälle wird es sehr spannend ob die Bundesliga wirklich Ernst macht und derartige Fanentgleisungen zukünftig bestraft. 90minuten.at berichtete zuletzt von Initiativen in diese Richtung. Rapid-Stadionsprecher Andy Marek intervenierte in Wien nicht als Marcel Sabitzer als “Sohn einer Hure” denunziert wurde. Ob der werte Herr Linden auch Marcel Sabitzer Torerfolge gegen seinen Ex-Verein und die Wiener Fans wünscht? Wohl eher nicht, das sei aber nur nebenbei angemerkt. Der Grazer Stadionsprecher, Ludwig Krentl, schwieg am Samstag ebenfalls. Rapid-Pressesprecher Peter Klinglmüller ließ damals zu den Sabitzer-Beschimpfungen zumindest eine Aussendung folgen, von Sturm kam bisher keine Reaktion, wahrscheinlich um das Naheverhältnis zu den Fanklubs nicht zu irritieren. Doch sollten in naher Zukunft auch finanzielle Belastungen auf die Vereine bei diskriminierenden Entgleisungen zukommen, wird man auch bei Sturm in Aktion treten (müssen). Na klar, dann geht’s ja um Geld und nicht darum, dass der Verein eigentlich dazu beitragen sollte – auch auf Gefahr hin bei den Fanklubs anzuecken – Schmähungen unter der Gürtellinie zu unterbinden und für positivere Energie auf den Rängen zu sorgen.