Jürgen Margreitter
© Jürgen Margreitter

Damir Canadi

"Sturm schöpft sein Potential jetzt viel besser aus"

Damir Canadi führte den SCR Altach zurück ins Fußball-Oberhaus. Im Gegnerinterview spricht der Trainer über abgelegten Respekt, schöne Fußballspiele, violette Angebote und ein flexibles System von Sturm. Eine Unterhaltung mit einem Mann, der nach Perfektion trachtet und persönlich noch viel vor hat.

SturmTifo.com
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Meisterschaftsauftakt zur Saison 2014/15. Zweitliga-Meister SCR Altach erwartet Sturm Graz im schmucken Schnabelholz-Stadion – das Ergebnis ist bekannt. Die Grazer unterlagen (damals noch unter Darko Milanic) mit 0:1. Am heutigen Samstag trachtet Damir Canadi mit seinen Jungs, wie er sagt, danach, den SK Sturm zum Jahresabschluss im Ländle mit einem ähnlichen Ergebnis in den Weihnachtsurlaub zu schicken.

Als Spieler ein eher unfreiwilliger Wandervogel hat Canadi als Trainer mit Altach nun ein Nest gefunden, in dem er sich gut aufgehoben fühlt und länger bleiben will. “Ich bin in meinem derzeitigen Entwicklungsstadium als Trainer beim SCR Altach sehr gut aufgehoben”, sagt er. Seit knapp zwei Jahren steht der 44-jährige Wiener an der Altacher Seitenlinie. Drei Transferperioden bastelte er gemeinsam mit Georg Zellhofer an einem Team, das immer mehr sein Gesicht trägt und sich im Aufstiegsjahr in der vorderen Tabellenregion festsetzte. Dort, wo mit einem Zähler Vorsprung auch der SK Sturm steht, bei dem sich seit dem Amtsantritt von Franco Foda laut Canadi “sehr viel zum Positiven hin gewendet hat.” Sturm12.at sprach mit Canadi während seiner mittwöchigen Autofahrt nach München, wo er beim Champions League-Spiel von Bayern München gegen ZSKA Moskau auf der Tribüne saß und sich zwei Teams in der Kragenweite anschaute, die auch ihm einmal passen soll.

Herr Canadi, „erfolgreich sein macht Spaß“, haben Sie einmal gesagt. Wie viel Spaß hatten Sie in den vergangenen Monaten?
Es ist natürlich immer schön, wenn wir uns in der Bundesliga so etablieren wie uns das bis jetzt gelungen ist. Vor wenigen Monaten wussten wir noch gar nicht, wo wir stehen, wie stark wir selbst sind und wie stark die Liga ist. Aber wir sind nicht nur zufrieden, sondern wir schauen schon, dass wir uns immer weiterentwickeln. Das, was war, interessiert keinen mehr. Wir müssen schauen, dass wir uns weiterhin verbessern. Und dabei haben wir derzeit auch sehr viel Spaß als Mannschaft, als Team. Es ist natürlich wesentlich leichter dem Team etwas beizubringen, wenn es gut läuft.

Die wahrscheinlich schon von Ihnen vermutete Standardfrage: Wie überraschend kommt es für Sie, dass Ihre Mannschaft eine Runde vor der Winterpause auf Platz vier liegt und sogar auf Platz drei überwintern könnte?
Ich war als Trainer noch nie in der obersten Spielklasse tätig und auch als Mannschaft haben wir jahrelang in der zweiten Liga gespielt. Wir haben keine Erfahrungswerte gehabt. Jetzt ist es schon so, dass wir in den 18 Spielen ganz einfach diesen Tabellenplatz eingenommen haben. Wir stehen ja nicht nur eine Woche in dieser Tabellenregion, sondern bereits einige Zeit. Das haben wir uns erarbeitet. Wir nehmen das an und werden versuchen, diesen Stand beizubehalten. Die Mannschaft hat Qualität, wir müssen uns nur weiterentwickeln und dann bin ich überzeugt, dass wir für solche Aufgaben auf jeden Fall bereit sind.

Ihre Spieler haben am Anfang Fotos von den großen Stadien gemacht. Für die meisten ist es das erste Mal in der Bundesliga. War am Anfang in manchen Spielphasen zu viel Respekt dabei? 
In den ersten neun Runden war es doch so, dass wir uns erst orientieren mussten. Unter anderem waren auch solche Dinge wie das Fotomachen dabei.

Mittlerweile scheinen Ihre Spieler gemerkt zu haben, dass sie sich nicht verstecken müssen.
Ja, wir haben in den letzten neun Runden schon gezeigt, dass wir den Respekt abgelegt haben. Dass wir auch gegen Topklubs sehr erfolgreich spielen können. Und dass wir doch stabiler geworden sind. Wir haben in den letzten neun Runden zwei Niederlagen hinnehmen müssen. Immer wieder ein paar Prozent mehr herauszukitzeln, das ist die Herausforderung.

Ist Ihr Team mittlerweile so eingespielt, wie Sie das gern hätten?
In vielen Teambereichen sind wir auf einem guten Level, aber es gibt natürlich überall ein paar Prozentpunkte zu verbessern. Im Defensivverhalten haben wir uns gefestigt, in der Offensive gibt es doch noch mehr Luft nach oben. Ich habe die Mannschaft seit Jänner 2013 zusammengestellt, habe drei Transferperioden Zeit gehabt. Ich denke, die Mannschaft hat jetzt das Gesicht, wie wir uns das beim SCR Altach in erster Linie einmal leisten können. Auf der anderen Seite haben wir aber auch die Spieler vom Charakter her bekommen, wie wir uns das vorgestellt haben.

Inwiefern haben Sie die gewünschten Spieler bekommen?
Wir haben uns mit Spielern verstärkt, die sehr lernwillig sind, die teilweise auch eine zweite Chance bekommen haben. Am Ende des Tages fragen wir uns: Was können wir mit diesem Verein realisieren? Und da haben wir jetzt eine Mannschaft, die sehr jung ausgerichtet ist und zwei, drei Jahre zusammenbleiben kann. Sie ist auf einem sehr, sehr guten Weg. Ich hatte auch das Glück, in Zusammenarbeit mit Georg Zellhofer die Mannschaft so zusammenstellen zu können, wie wir das für richtig halten.

Sind solche Ergebnisse wie am vergangenen Wochenende angesichts der jungen, unerfahrenen Mannschaft von Ihnen und Herrn Zellhofer eingeplant? Dass es einfach Wochenenden geben wird, wo es auch gegen vermeintlich schwächere Teams nicht funktioniert?
Natürlich, das gehört auch dazu. Das passiert ja nicht nur uns, das passiert auch den Großklubs wie Bayern oder Barcelona. Niederlagen gehören dazu. Womöglich lernt man aus Niederlagen sogar das meiste. Du schlägst Red Bull, auf der anderen Seite verlierst du gegen Wiener Neustadt, den Tabellenletzten. Das ist Fußball und wie jeder weiß: In der Zehnerliga kann jeder jeden schlagen. Wenn man nicht selbst die hundert Prozent erreicht, dann können Spiele auch so ausgehen wie das letzte.

Was hat gegen Wiener Neustadt nicht funktioniert?
Das waren mehrere Dinge. Wir haben uns an dem Tag leider mit den Gegebenheiten nicht gut auseinandergesetzt. Der Platz war sehr tief, es hat viel geregnet. Wir waren auch im technischen und taktischen Bereich nicht auf hundert Prozent. Wenn man diese Dinge nicht abruft, hat man im Kollektiv Probleme. Dann bekommt man das 0:1 aus einer Abseitsstellung und beim 0:2 macht unser Torhüter einen Fehler. Aber solche Spiele gehören zum Sport dazu, das akzeptiert man auch.

Paderborn-Trainer Andre Breitenreiter, der ähnlich wie Sie erfolgreich mit unterschiedlichen Formationen und Systemen agiert, hat erst unlängst gemeint: „Wir versuchen den Gegner vor Aufgaben zu stellen. Und mit einem Gedankenvorsprung ins Spiel zu gehen.“ Gilt das nicht auch für Altach?
Ja, das ist sehr ähnlich, das kann man durchaus sagen. Aber wir versuchen unseren eigenen Weg zu gehen, vergleichen uns da eher nicht mit Paderborn.

Aber Sie suchen doch in erster Linie nach Lösungen aufgrund von Schwächen des Gegners?
Ja, grundsätzlich suche ich natürlich immer nach Lösungen. Aber wir versuchen schon in erster Linie unser Spiel durchzudrücken, wir konzentrieren uns – sagen wir – zu 80 Prozent auf unser Spiel, auf unsere eigenen Stärken. 20 Prozent nimmt dann die Analyse des Gegners ein. Wenn es eine Schwäche im gegnerischen Team gibt, dann versuchen wir dort natürlich reinzustechen und die richtigen Mittel dafür zu finden.

Sturm spielt, seit Franco Foda wieder da ist, in jedem Spiel eine 4-2-3-1-Formation. Ist es leichter, sich auf einen Gegner einzustellen, wenn man weiß: Der wird sehr wahrscheinlich genau so auftreten?
Die Frage ist ja, ob es überhaupt ein 4-2-3-1 ist, das Franco Foda hier spielen lässt, oder ob es nicht vielleicht ein 4-4-2 mit Stankovic und Djuricin vorne drin ist? Ich finde das 4-2-3-1 von Sturm sehr flexibel. Die Mannschaft hat sich sehr zum Positiven hin verändert, hat eine gute Spieleröffnung, ein wirklich starkes Passspiel und sehr viel Kontrolle im Spiel. Natürlich hat Sturm auch ein gutes Spielermaterial, das muss man klar sagen. Sie haben in Einzelpositionen wirklich gute Spieler und dieses Potential schöpfen sie jetzt viel besser aus, als zuvor. Von daher wissen wir, welch’ schwere Aufgabe auf uns zukommt. Aber auch wir haben unsere Tugenden und unsere Qualitäten und werden versuchen, diese in die Waagschale zu werfen.

Haben Sie das Gefühl, dass bei Sturm derzeit die Balance in der Mannschaft stimmt?
Ich meine, die Ergebnisse sprechen sowieso dafür. Ich kenne dafür zu wenig Einzelheiten, bin 700 Kilometer entfernt. Ich denke aber schon, dass sie derzeit eine sehr gute Balance und ein tolles Klima in der Mannschaft haben. Und Trainer Franco Foda macht natürlich seinen Tee dazu. Wir wissen, wie schwierig es am Wochenende für uns wird, gegen Sturm zu bestehen.

Wie bereiten Sie Ihre Mannschaft auf dieses Spiel vor?
So wie vor jedem Spiel auch. Beginnend am Montag bereiten wir uns dann mit Analysen und Trainingsschwerpunkten unter der Woche vor. Da legen wir fest, wie wir defensiv spielen wollen, wir den Gegner bespielen wollen. Und auf der anderen Seite versuchen wir natürlich, unsere eigenen spielerischen Elemente umzusetzen.

Was sind für Sie schöne Fußballspiele?
Ich hoffe, dass heute am Abend Bayern München gegen ZSKA Moskau ein schönes Fußballspiel wird. Ich sitze im Stadion live vor Ort.

Wann ist SCR Altach gegen Sturm Graz ein schönes Fußballspiel?
Wenn beide Mannschaften zu hundert Prozent ihre Leistung abrufen. Es sind beide Mannschaften sehr ähnlich gepolt, spielen beide aus einer guten Organisation heraus und haben ein gutes Umschaltspiel. Ich denke, beide können auch ganz gut kombinieren.

Müssen Fußballspiele aus Ihrer Sicht erfolgreich sein, damit sie schön sind?
(Überlegt lange) Nein, ich habe meiner Mannschaft auch schon nach Niederlagen gratuliert und war genauso auch nach Siegen erzürnt. Das Ergebnis ist natürlich das wichtigste nach außen hin, aber nicht immer das, was zählt.

Sie haben Ihre Karriere mit Mentaltrainerin Sylvia Moser perfekt durchgeplant. 2004 haben Sie in einem Interview zu Ihren Plänen gesagt: „Vielleicht noch zwei Jahre Wiener Liga, dann drei Jahre als Co bei einem guten Verein. Anschließend vielleicht einen Regionalliga-Klub übernehmen und aufsteigen. Mit 40 möchte ich gerne als Bundesliga-Trainer tätig sein.“ Alles abgearbeitet – welcher Schritt soll als nächstes folgen?
Ja, wenn ich das wüsste. Ich denke, dass ich derzeit in Altach sehr gut aufgehoben bin in meiner sportlichen Entwicklung. Wohin der Weg geht, weiß ich nicht. Natürlich habe ich Ziele, als Trainer plant man auch so ein bisschen an seiner Karriere. Ich werde versuchen, diese Ziele zu realisieren.

Wie lauten diese Ziele?
Das sind ja meine persönlichen Ziele und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Der Plan von 2004 wird öffentlich also noch nicht weitergedacht. Sie sagen nicht‚ wenn ich 50 Jahre alt bin will ich als Trainer in einer obersten Liga im Ausland arbeiten’?
Ich will mich weiterentwickeln und so hoch wie möglich trainieren. Natürlich, da ich jetzt in der obersten Spielklasse Österreichs als Trainer tätig bin, ist der nächste Step ein gut geführter Bundesligaklub, unabhängig ob in Österreich oder im Ausland, oder ob das dann sogar einmal ein Champions League Klub wird. Es gibt ja mehrere Sachen, die man im Fußballgeschäft anstreben könnte. Jetzt bin ich in Altach. Ich sehe, dass erst jetzt meine persönliche Fußballkarriere aus ist und meine Trainerkarriere auf professioneller Ebene beginnt, auch wenn ich schon lange im Trainergeschäft bin. Ich habe jetzt die Chance, mit dem Verein, mit meinen Jungs Erfolge zu feiern. Hat man Erfolge, dann wird der weitere Weg sowieso geebnet.

War das ein Mitgrund, warum Sie die Gespräche mit der Wiener Austria abgebrochen haben?
Ich habe kein Angebot von Austria Wien gehabt. Ich habe ein Gespräch mit gewissen Herren geführt, aber ich glaube nicht, dass es für mich der richtige Zeitpunkt gewesen wäre. Das habe ich auch diesen Leuten so gesagt. Aber ich habe nie ein Gespräch mit Alexander Krätschmer oder Thomas Parits gehabt. Ich habe mit anderen Herrschaften vom Verein gesprochen, die aber nicht unmittelbar für Verpflichtungen zuständig sind. Ich bin in meinem derzeitigen Entwicklungsstadium als Trainer beim SCR Altach sehr gut aufgehoben. Was in zwei, drei Jahren ist, wird man dann sehen.

Kommen wir abschließend zurück zum Wochenende. Die Winterpause steht bevor. Sind sie froh oder traurig, dass es in die lange Pause geht? Wie ist der körperliche Zustand der Mannschaft?
Für uns als Altach ist die Winterpause mit nur drei Wochen sehr kurz. Auch zuletzt im Sommer hatten wir wenig Pause, die Bundesliga war ja Anfang Mai fertig mit der Meisterschaft und die zweite Liga hat bis Ende Mai gespielt. Wir haben drei Wochen länger gespielt als die Bundesliga, hatten auch nur ein paar Tage Sommerurlaub. Jetzt ist es wieder ähnlich, wir werden versuchen, das optimal zu nützen.

Ist die Pause zu kurz?
Die Mannschaft hat 2014 tolles geleistet. Ich denke, wir haben mit einem positiven Druck sehr gut umgehen müssen. Natürlich würden wir uns eine Woche mehr Pause wünschen, damit die Mannschaft wirklich am Stück mal ausblasen kann. Aber so ist es eben, wir akzeptieren das.

Wie sehr brennt die Mannschaft darauf, gegen Sturm einen positiven Heimabschluss hinzulegen?
Das werde ich am Samstag nach dem Spiel beantworten können.

Sind Kaderverstärkungen im Winter geplant? Sind die finanziellen Mittel vorhanden?
Martin Harrer ist ein Spieler, den wir gerne haben möchten und wo auch er signalisiert hat, dass er gerne kommen möchte. Aber natürlich gibt es auch einen Verein, wo er noch Vertrag hat. Wir werden sehen, ob es uns gelingt, den einen oder anderen dazu zu bekommen.

Die Wettanbieter sehen Altach als Favoriten. Für einen Sturm-Sieg bekommt man das 2,8-fache, für Altach zirka das 2,4-fache. Nehmen Sie die Favoritenrolle an?
(Überlegt lange) Wir bereiten uns auf Sturm so vor, wie auf jedes andere Spiel. Mit Favoritenrollen beschäftigen wir uns eher weniger. Ich habe es bereits gesagt – in der Liga kann jeder jeden schlagen. Bei den Wettanbietern sind wir vermutlich aus dem Grund Favorit, weil wir gegen Red Bull und Rapid daheim gewonnen haben und zuhause doch bestätigt haben, dass wir guten Fußball spielen können. Aber ich denke, die beste Antwort gibt die Tabelle: Sturm Graz und Altach sind nach 18 Spielen einen Zähler auseinander. Es wird also ein sehr ausgeglichenes Spiel.