Dietmar Meinert  / pixelio.de
© Dietmar Meinert / pixelio.de

Glanzparade

Die Letzte

Nach einigen schönen Jahren der trauten Mehrsamkeit, folge ich meinem Kolumnistenkollegen, Jürgen Pucher, in die Sturm12.at-Pension. Das war doch was, dieses kleine, digitale, schwarz-weiße Ding, das da jahrelang vor uns dahinflimmern durfte. Doch etwas bedrückt, zieht die Glanzparade Resümee.

Banner_Glanzparade_Michael
© Sturm12.at

Eines möchte ich gleich vorwegnehmen: Es ist nicht einfach diesen Kommentar zu verfassen. Und ich möchte mich gleich im Vorhinein für die Überlänge und die ein oder andere emotional angehauchte Ausuferung entschuldigen. Für “Die Letzte” hab ich mir das alles ganz frech herausgenommen. Es sei mir hoffentlich verziehen.

Für einen Stoßstürmer mit Polster’schen Knipserqualitäten (Stichwort Ironie) war ja der Name “Glanzparade” schon eigentlich immer eine Zumutung. Der einzige Schuss den ich nämlich jemals gehalten hatte, brachte mich direkt ins Mürzzuschlager Krankenhaus und endete mit Gips. Dieser Schuss hielt also eher mich, als ich ihn. Ein späterer Wiener Philharmoniker (Klarinette noch dazu) hatte mir mit einer Plastikwuchtel (!!!) meine kindliche Elle gesprengt. Jaja, die guten alten 80er Jahre.

Die Glanzparade hatte als Titel also schon immer einen fragilen Hintergrund mit bitterem Beigeschmack. Im 22er-Sektor jedoch, hatte sie ihren eigentlichen Ursprung. Damals, als die Nordkurve noch die Südkurve war und wir den noch sehr juvenilen Jakob Dohr kennenlernten und im Zweiwochentakt vor grantelnden alten Männern saßen, die über “Rabinijo” (sic) stänkerten und Wetl und Strafner regelmäßig als “Drecksäcke” denunzierten. Dann wurde das Stadion auf den Kopf gestellt, wir verlagerten unseren Stammplatz in die Nordkurve und der schon etwas erwachsenere Jakob Dohr erzählte von einem neuen Projekt, einem Internetportal über den SK Sturm. Schließlich traf ich mich mit einem gewissen Christopher Houben. Im Café Ritter. Und nach wenigen Minuten dachte ich mir, warum tut der sich das an? Eigentlich könnte dieser Herr Houben in seinem geliebten Amiland eine Presbyterianische Kirche gründen und im Bibel-TV tausende Menschen mit seinem Überzeugungstalent in Ohnmacht stürzen. Noch nie zuvor hab ich einen Menschen getroffen, dessen stream of consciousness mehr ehrliche Euphorie und feuriges Lodern beinhaltete, wie die Worte des Herrn Houben.

Natürlich war ich also dabei, auch als Nicht-Kirchengänger. Doch als jemand, der fest davon überzeugt ist, dass man nicht zu jedem Thema eine Meinung haben soll, stellte sich die Aufgabe Meinungsjournalismus zu betreiben, als Balanceakt heraus. Und oft hab ich auch unter dieser Prämisse einer Meinung entsagt und einfach geschwiegen. Doch viel verblüffender war es, dass manche Texte, entgegen meiner Einschätzung, wunderbar aufgingen, andere versiegten in der Belanglosigkeit, obwohl ich mir dachte: That’s a good one. But, oh well. Auf alle Fälle war Kalkül nie eine Grundlage für eine meiner Glanzparaden. Darauf bin ich stolz und froh, dass Sturm12.at derartiger Methodik prinzipiell stets entsagte. Wenn es anders gewesen wäre, hätte es mich nicht interessiert. Es gab keine Blattlinie, keinen redaktionellen Befehl wer gelobt und wer abgelehnt werden sollte. Vor allem aber gab es trotz meiner unbestrittenen emotionalen Nähe hinsichtlich meines Herzensvereins keine ökonomisch-strategischen Gründe meine Kritik oder mein Lob zu mildern.

Kürzlich bin ich wieder auf eines der Standardwerke meines universitären Journalismuslehrganges gestoßen und konnte folgende Zeilen darin lesen:
“Je mehr ,unangenehme‘ Tatsachen und Informationen verdrängt oder verschwiegen werden, desto enger werden die Zäune, zwischen denen wir leben, wie schon der österreichische Kulturphilosoph Friedrich Heer warnte. Jeder, der mit Information zu tun hat, muss daher wissen: Sich und andere informieren wollen heißt auch, die Wahrheit über sich (und seine Position, seine Partei, seine Konfession etc.) zu erfahren. Und das kann nicht immer angenehm sein. Damit ist ein Dilemma angedeutet, über das Journalisten Bescheid wissen müssen. Denn zur Informationsaufgabe der Journalisten zählen eben nicht nur populäre, gefällige und ,angenehme‘ Informationen, die unter gewissen Bedingungen nicht gern zur Kenntnis genommen werden. Wie ein Journalist in diesem Dilemma handelt, gibt Aufschluss über seine grundsätzliche Auffassung vom journalistischen Beruf” (Fritz Csoklich in “Praktischer Journalismus in Zeitung, Radio und Fernsehen”, 1996). Liebe steirische Printmedienlandschaft. Nehmet diese Zeilen und machet damit was ihr wollet!

Jaja, dieser SK Sturm… Seinen Herzensverein im Laufe der Jahre auch im Kopf intensiver kennen und verstehen zu lernen, und trotzdem versuchen ihn uneingeschränkt zu lieben, war halt schon eine teils sehr harte Sonderprüfung. Spazierend durch den Wiener Prater, am Weg zum Ländermatch gegen Montenegro, sagte mir ein mittlerweile lieber Freund, dass man vielleicht nie hätte versuchen dürfen, den SK Sturm zu verändern, verbessern, professionalisieren. Man müsse schon akzeptieren, dass ein Verein und dessen Umfeld, die solche Veränderungen nicht fordern, sie auch nicht begreifen, bzw. erwünschen. Angefangen von der gescheiterten Entprovinzialisierung im Umgang mit Medien bis hin zum musikalischen Rahmenprogramm vor und nach den Spielen, in und außerhalb des Stadions. Von der pseudostrukturellen Professionalisierung des Vereinsgefüges gar nicht zu sprechen. Und dann auch noch dieses entsetzliche Beleidigtsein, bei jedem Punkt und Beistrich, den man nicht so gesetzt hatte, wie es der Vereinsobrigkeit beliebte. Aber bitte, es ist halt ein Verein, der sich “leider in allen Belangen selbst im Weg steht”, sagte Benedikt Pliquett vor etwas mehr als einem halben Jahr.

Abseits von all dem darf man aber auch nicht vergessen, dass es diesem SK Sturm nicht so schlecht geht, der Überwinterungstabellenplatz zwar noch ausbaufähig ist, aber die Konkurrenz um die internationalen Plätze absolut in Griffweite liegt. Franco Foda hat in kurzer Zeit mehr aus der Mannschaft herausgeholt, als es Milanic je gelang. Man spielt durchaus ansehnlichen Fußball, auch wenn das Konzept Foda, genau dieses eine Konzept Foda ist und bleibt und bleiben wird. Gegen schlauere Taktiker (siehe Canadi) wird man sich auch in Zukunft die Zähne ausbeißen, auch wenn man eigentlich um Längen besser ist. Und zu den Finanzen? Da hat man ja jetzt einen Joker im Ärmel, der auszuspielen zwar nicht angenehm, aber wahrscheinlich schlau wäre. Und all das ist eben genau das, was man sich erhoffen darf und kann, mehr nicht.

Das größte Kapital dieses Vereins sind aber seine Fans. Deswegen ist der nächste Absatz an sie, an uns gerichtet. Dieser Verein hat großartige Fans, viele schlaue und strategisch clevere Köpfe in den relevanten Positionen der jeweiligen Fanklubs. Und deswegen hier ein kurzes Plädoyer: Lasst euch eure Stimme nicht nehmen, eckt an, bitte eckt an! Seid frech, laut, kreativ und ruhig auch etwas politisch unkorrekt. Diskriminiert aber nicht, seid positiv, denn dieses Schwarz und dieses Weiß voranzutreiben ist kräftiger und mächtiger als jegliche Art negativer Energieentladung in oder vor den Stadien. Vergesst auch nie, dass Stimmbänder soviel lauter schwingen können als Fäuste. Seid kooperativ, lobt und applaudiert wenn angebracht, aber lasst euch nicht zu billig abspeisen, blenden oder manipulieren. Vergesst nie – das ist euer Verein und er gehört nur euch. Er wäre ein diffuses Nichts ohne euch. Seid also kritisch, seid in eurer Kritik auch bereit Fehler zu machen und einfach mal falsch zu liegen, aber bleibt immer kritisch! Auch wenn Menschen lieber mit Lob ruiniert als mit Kritik gerettet werden wollen. Aber das ist deren Problem.

Ich bin Sturm12.at zu großem Dank verpflichtet. Zuerst all jenen Leserinnen und Lesern für die vielen ungemütliche Wortspenden, für den zeitweiligen Beifall und jede Sekunde die ihr auf dieser Seite verbracht habt. Eine Geschichte wird ja erst immer dann zur Geschichte wenn sie gelesen wird. Sturm12.at hat mir einige sehr innige Freunde beschert, ich durfte unfassbar begabte Menschen kennenlernen und sehr viel von ihnen lernen. Und zudem war die Seite eine Zauberbox: Sie hat ausgerechnet mir als Kolumnist beigebracht, besser zuzuhören. Doch vor allem durfte ich Teil eines Mediums sein, das sich jenseits jegliches Kommerzgedankens sachlich, kritisch, ungehorsam, kreativ und unabhängig nennen konnte. Genau diese Unabhängigkeit machte Sturm12.at unberechenbar, ungemütlich und in diversen Kreisen so richtig schön unbeliebt. Und da in unserer lieben Welt ja bekanntlich der beste Weg mit Feinden umzugehen jener ist, sie zu besitzen, und das mit Sturm12.at nicht funktioniert hat, bin ich richtig stolz darauf, dass ich diesem Medium bis zum bitteren Ende dienen durfte. Die Summe aus allen Erfahrungen machte Sturm12.at aus. Oder um aus einem Interview, dem wahrscheinlich besten das je mit dem großen Ivan Osim geführt wurde, ganz frei zu zitieren: “Ein Leben ist es wert, so etwas zu erleben.”

Und noch was hat mich dieser Verein und die Tätigkeit hier gelehrt. Reinhard Mey hatte Recht als er feststellte: “Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd”. Oder lag die Wahrheit doch eher in den Worten der Hamburger Band Kettcar: “Das Gute an schlechten Zeiten, Pferde satteln, weiterreiten.” Wie auch immer. Die Glanzparade hat soeben aufgesattelt. So long, lieber SK Sturm.