© Andreas Köckeritz  / pixelio.de
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Analyse

Die Scoutinglüge

Vor mehr als einem Jahr wurde bei Sturm Graz ein Scouting-Netzwerk installiert. Viele Entdeckungen haben Imre Szabics, Stojadin Rajkovic und Hannes Reinmayr bisher nicht hervorgebracht. Noch immer folgt zu viel den altbekannten Mustern. Eine Analyse des Scoutings beim SK Sturm Graz:

“Wir waren da sehr seltsam aufgestellt”, sagte Gerhard Goldbrich beim 12er-Stammtisch im September 2013 über die Tradition des Scoutings bei Sturm Graz. Zurecht. Jahrelang wurde die gezielte und langfristige Erfüllung der Kaderplanung in Graz eher stiefmütterlich behandelt. “Das Scouting war vor allem Aufgabe der Trainer und einiger mehr oder minder ehrenamtlich tätigen Personen”, sagt der ehemalige Aufsichtsratvorsitzende Friedrich Santner heute. Und: “Für einen Sportverein wie Sturm ist ein professionelles Scouting aus sportlicher und finanzieller Sicht lebensnotwendig. Es sollte in der neuen Struktur 2012 ein Teilbereich der sportlichen Geschäftsführung werden.”

Im Herbst 2013 präsentierte Gerhard Goldbrich dann einigermaßen stolz das neue Scouting-Netzwerk.  Für professionelle Spielerbeobachtung sollten damals der vom aktiven Sport verabschiedete Imre Szabics, vormals Co-Trainer Stojadin Rajkovic und Sturm-Legende Hannes Reinmayr sorgen. Nachdem in Graz zum ersten Mal 2007 mit Walter Hörmann moderne Scouting-Arbeit bemüht wurde und später “Sportkoordinator” Hans Lang mit der Kaderplanung betraut wurde, hatte Sturm Graz von nun an eigene, richtige Scouts. Seither beobachten die drei gemeinsam mit zwei Jugendscouts und den technischen Programmhilfen Instatscout und Jawoi 20 bis 40 Spiele im Monat, bewerten Spieler nach einem Punktesystem und geben anschließend ihre Empfehlungen ab. So wie es Gerhard Goldbrich bei der bisher letzten Mitgliederversammlung gesagt hat.

Die Ergebnisse sind zweifelhaft. So war man in Messendorf zuletzt zwar recht stolz darauf, immer öfter lupenrein rot-weiß-rote Startformationen aufs schwarz-weiße Feld gebracht zu haben. Die Legionäre nämlich nehmen in Graz und der Regel heute mehrheitlich nur noch auf der Bank Platz. Benedikt Pliquett, Aleksandar Todorovski, Tomislav Barbaric und Josip Tadic sind etwa solche Ergänzungsspieler, wie sie Franco Foda nennt – für den kleinen Taisuke Akiyoshi reichte es zuletzt nicht einmal mehr für die Ersatzbank. Sie alle sind Spieler, die man in den vergangenen eineinhalb Jahren verpflichtet hatte. Sie alle sind Spieler, die dem Verein schon auf mittlere Frist nicht mehr wirklich weiterhelfen konnten.

“Wir haben für den Start eine ganz gute Struktur. Das Netz müssen wir aber weiter aufziehen. Aber wenigstens sind wir jetzt nicht mehr auf Spieler-Empfehlungen externer Personen angewiesen.”

Gerhard Goldbrich

 

Die Zagreb-Connection
Tomislav Barbaric hatte im Jahr 2011 schon den vierten Titel mit nur 21 Jahren gefeiert und bereits einige Einsätze in europäischen Bewerben vorzuweisen. Von einem echten Talent in der erfolgreichen Stammformation von Dinamo Zagreb war die Rede – zunächst. Der neue Trainer setzte nicht mehr auf Barbarc, Dinamo versuchte ihn zu verkaufen. Letztlich einigte man sich mit Fortuna Düsseldorf auf eine Leihe – die dann allerdings vonseiten den Deutschen nie unterzeichnet wurde, weil in einer von drei Untersuchungen eine leichte Herzrhytmusstörung festgestellt wurde. So wurde er zunächst an Nachzügler NK Istra verliehen und dann an Lokomotiva verkauft – wo er zuletzt zum Kapitän ernannt wurde.

So kam Tomislav Barbaric nach Graz: Als großer, nicht zu schneller, aber grundsolider Innenverteidiger, der sich zwar beim Stammklub Dinamo nie durchsetzen konnte, aber beim Satellitenteam Lokomotiva zu einer Art Führungsspieler reifte und dort auch meistens spielte. Dass Barbaric ein Typ Innenverteidiger ist, der womöglich eher weniger zur Spielidee von Sturm Graz passt und das Spiel eines Nikola Vujadinovic wahrscheinlich nie ersetzen wird können, schien nicht bekannt, als er im Juni 2014 nach Graz gelotst wurde. Nachdem Tomislav Barbaric laut eigenen Angaben mehr als ein Jahr beobachtet wurde, kam er über den Zagreb-Kontakt Vukmil Vukmirica zu Sturm. Ein halbes Jahr später stehen die Zeichen schon wieder auf Abschied: Auch weil Sturm zuletzt wieder einen Innenverteidiger auf Probe zu Gast hatte, klingen die Gerüchte nicht ab, Tomislav Barbaric wird keine zweite Saison, vielleicht kein Frühjahr bei Sturm Graz erleben.

Und Tomislav Barbaric kam damals nicht allein. Denn auch ein Stürmer wurde in Graz dringend gebraucht und so einen hatte Vukmirica im Portfolio. Josip Tadic war sein Name. Der hatte davor bei insgesamt zehn Klubs gespielt und wurde konsequent nach einem Jahr weiterverliehen oder ablösefrei weitergegeben. Jedes Jahr wieder versprach Tadic bei neuem Klub in neuem Land unter neuem Trainer durchzustarten. So auch bei Sturm, wo er als großer, schneller, technisch starker und erfahrener Stürmer präsentiert wurde, der gut Deutsch und “uns sofort weiterhelfen kann” – und das obwohl er im Sommer keine Vorbereitung mitgemacht hatte. Dass Tadic ein Typ Stürmer ist, der womöglich eher weniger zur Spielidee von Sturm Graz passt und das Spiel eines Robert Beric wahrscheinlich nie ersetzen wird können, schien nicht bekannt, als er im Juli 2014 nach Graz gelotst wurde. Wie lange Josip Tadic beobachtet wurde, ist ungewiss. “Man macht sich natürlich so seine Gedanken, wenn man die bisherigen Karrieren der Spieler ansieht”, lässt Friedrich Santner diese beide Zugänge unkommentiert – und doch nicht.

Von Star- und Stall- und Strandgeruch
Dass man zur gleichen Zeit den slowakischen Ex-Schalke-Stürmer Erik Jendrisek angeboten bekam und sich vom isländischen Innenverteidiger/Sechser Victor Palsson nach guten Verhandlungen abwandte, dürfte heute doppelt schmerzen: Jendrisek ist seither gesetzte Solospitze bei Spartak Trnava in der slowakischen ersten Liga und hat in fünf von 13 Spielen getroffen (was genau den Werten vom damals ebenfalls ablösefreien Tadej Trdina beim Tabellenzweiten Wolfsberg entspricht). Palsson spielte eine bärenstarke zweite Saisonhälfte in der schwedischen Ganzjahresliga bei Helsingborg. Und auch Klassenamen wie der 27-fache niederländische Teamspieler Demy de Zeeuw, Everton-Flügel Magaye Gueye oder Arsenal-Schüler Emmanuel Frimpong heuerten letztlich nicht in Graz an, obwohl sie alle drei Gefallen an der Stadt und dem Verein gefunden hätten.

Die Grazer Transferpolitik scheint Risiken minimieren zu wollen. Ein Symptom dessen wäre die ewig unterstellte Sehnsucht nach dem Stallgeruch. Immer wieder neigt der aufmerksame Sturmfan dazu, das Muster, oder wenigstens die Tendenz zum traditionellen Heimkehren festzustellen, gutzuheißen oder zu bedauern. Und die Statistik gibt Recht. Tatsächlich scheinen in Graz besonders seit der Ära Foda/Kreuzer den ehemaligen Spielern die Türen der Rückkehr recht weit offenzustehen. Zwölf von 43 Zugängen der vergangenen sechs Jahre wurden bei Sturm ausgebildet oder sind in ihrer bisherigen Laufbahn schon in einem Profikader von Sturm Graz gestanden. Das sind mit Klaus Salmutter, Uwe Kropfhofer, Mark Prettenthaler, Imre Szabics, Patrick Wolf, Christoph Kröpfl, Jürgen Säumel, Tobias Kainz, Leonhard Kaufmann, Daniel Beichler, Marko Stankovic und Thorsten Schick gleich 28 Prozent aller Zugänge der vergangenen Jahre. Fast jeder dritte Spieler, der zu Sturm kommt, tut dies mit vielzitiertem Stallgeruch.

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Ein wenig Hoffnung auf neue Herangehensweisen in diesem Zusammenhang ist in den vergangenen Monaten von Süden ins Grazer Becken gezogen. Eine Kooperation mit Juventus Turin wurde damals leise angekündigt. “Wir stehen zu ein paar Themen in Kontakt. Nachwuchschef Stefano Braghin war das eine oder andere Mal in Graz. Wir tauschen uns aus, auch auf Spieler-Ebene”, sagte Gerhard Goldbrich dazu noch im Oktober gegenüber sportnet.at. Scouting, Nachwuchs und Marketing sollen diese Themen sein. Die Kooperation mit der alten Dame soll laut einem Vereinsangestellten tatsächlich existent und aufrecht sein. Wie sie genau aussieht und ob sie am Ende jener ähnelt, die man bereits einige Monate zuvor mit einem anderen Serie-A-Klub abgeschlossen habe, ist fraglich. “Eine Kooperation mit dem FC Inter Mailand macht den Transfer möglich”, hatte es damals über die leihweise Verpflichtung von Lukas Spendlhofer geheißen. Man wird sehen, ob durch diese recht losen Zusammenarbeiten bald r(l)eihenweise junge Italiener von Turin und Mailand nach Graz geschwemmt werden, oder die Kooperationen im venetianischen Sand verlaufen.

Hagmayr-Häufung
Die nächste Konstante in den Zugängen ist der Name Max Hagmayr. Acht Profispieler hat der ehemalige Linzer Stürmer und jetzige Berater in den vergangenen sechs Jahren nach Graz (Salmutter, Prettenthaler, Schildenfeld, Cavlina, Beichler, Offenbacher, Stankovic, Piesinger) transferiert. Das ist doppelt so viele wie zu Austria (Klein, Stankovic, Ramsebner) und Rapid (Pichler) zusammengezählt. Insbesondere nach Zeiten von den Transfers Erwin Hoffers und Christopher Drazans sind Hagmayr-Transfers nach Wien eher die Ausnahme geworden – vor allem zur Rapid. In Graz ist das anders. Mit Sturm hat Hagmayr noch immer bestes Einvernehmen und auch in den vergangenen beiden Sommern wieder jeweils zwei Spieler an die Mur gebracht. Insgesamt zeichnet Max Hagmayr in den vergangenen Jahren für jeden fünften Transfer zu Sturm verantwortlich. Und auch der aktuelle Trainer von Sturm hat in der für seinen Berufsstand gar nicht so üblichen Berater-Spalte auf transfermarkt.at HAGMAYR Sportmanagement GmbH stehen.

Von anderen Agenturen sieht man in Graz hingegen in den vergangenen Jahren eher selten Neues. Von diesen Agenturen etwa. Dabei hätten die durchaus interessante Spieler in ihren Portfolios. Sandro Djuric, Peter Tschernegg und Stefan Lainer wären etwa vor allem in der vergangenen Sommertransferzeit solche gewesen. Alle drei sind jung, Österreicher, spielen auf für Sturm Graz interessanten Positionen und haben im Sommer ablösefrei (zu Grödig, Wolfsberg und Ried) gewechselt. Tschernegg erlitt bei einem Testspiel gegen RNK Split einen Kreuzbandriss – die anderen beiden waren auf Anhieb Stammspieler bei ihren neuen Klubs. Nur keiner bei Sturm Graz.

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Exoten
Immer wieder kommen dann Transfermeldungen, die auch auf den zweiten und dritten Blick noch Verwunderung hervorrufen und schon recht bald als exotische Randnoten in die Sturm-Graz-Geschichtsbücher eingehen. Jelani Smith etwa. Der kanadische Hüne, der 50 Kilometer pro Stunde laufen kann, hat im Sommer 2013 bei Probetrainings in Holland den Grazer Spielerberater Mikis Schilcher kennengelernt. Schilcher hat ihn nach Graz gebracht, wo ihn Darko Milanic bei einem ersten Testlauf für gut, aber nicht gut genug befunden hat. Nachdem sich Andreas Pfingstner im November vergangenen Jahres verletzte, rief Gerhard Goldbrich Mikis Schilcher an und Jelani Smith wurde schließlich doch verpflichtet. Dass sich das Erteilen einer Arbeitserlaubnis als schwierig herausstellen könnte, weil man laut FIFA-Richtlinie zur Ausbildungsentschädigung jedem ehemaligen Verein des Spielers auszahlen hätte müssen und das Einholen von diesbezüglichen Verzichtserklärungen aller Ex-Vereine einige Zeit in Anspruch nehmen würde, wusste man zu diesem Zeitpunkt nicht. So oder so – auch nachdem die Arbeitserlaubnis nach zwei Monaten endlich erteilt wurde, konnte Jelani Smith Sturm Graz nicht weiterhelfen. Der Vertrag blieb nach nur drei Einsätzen bei den Amateuren unverlängert – die 32.616 Euro Jahresgehalt, die Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern zuzüglich Sonderzahlungen zustünden, hätten sich nicht ausgezahlt. Momentan trainiert Smith bei seinem Heimatklub in Kanada mit und absolviert manchmal Freundschaftsspiele. Schilcher will ihn über den Winter aber wieder zurück nach Europa bringen.

Die zweite kleine Randnotiz des Jahres wird wohl Taisuke Akiyoshi heißen. Der Japaner wurde im Sommer von der deutschen Agentur Europlus International empfohlen. Die Agentur, die heuer auch die Kader von steirischen Unterhausteams wie Wies, Deutschlandsberg und Gratkorn (unter dem damaligen Cheftrainer Robert Pflug) mit japanischen Neuzugängen verstärkte, versteht sich als “Partner für Amateurspieler”. In der Klienten-Kartei seien Spieler, “die es in Japan aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ganz nach oben geschafft haben“, sagt Takashi Yamashita, Europachef der Agentur zur Grazer Woche. “Viele Japaner haben nämlich den Traum, in Europa zu spielen.” Und das gilt auch für Taisuke Akiyoshi. Nach mittelerfolgreichen  Intermezzi in Polen, Bulgarien und Bosnien trainierte er im Sommer schließlich einige Wochen bei Sturm mit, wurde von Darko Milanic für gut befunden und verpflichtet. Gespielt hat er dann allerdings nicht. Nur 60 Bundesliga-Sekunden stehen am aktuellen Leistungsindex des kleinen Mannes – und zwei Pässe, einer davon angekommen. Selbst wenn Europlus International für einen Teil der Kosten aufkommt – die herangetragene Spielerakte Akiyoshis dürfte wohl auch in Messendorf nicht lange heimisch sein.

“Man kennt sie zwar am Computer, aber du musst sie auch sichten. Um zu sehen, ob der Spieler auch in unser Spielsystem passt.”

Hannes Reinmayr

 

Wunschspieler
Jeder Trainer hat sie, diese zwei, drei Protagonisten, die er dem Management zur Begrüßung vorschlägt. Die Wunschspieler, die er unbedingt und jedenfalls auf der Gehaltsliste will. Bei Sturm kann zuletzt etwa Aleksandar Todorovski als so einer bezeichnet werden – nämlich als einer von Darko Milanic. Der kannte Todorovski und hat ihn spätestens nach dem 3:2 Mazedoniens über Slowenien im Infight mit Robert Beric und Kevin Kampl für gut befunden. Ein halbes Jahr später hat ihn Gerhard Goldbrich als neuen Stammrechtsverteidiger in Graz präsentiert. Und ebengenannter Robert Beric wurde ohnehin direkt mit Darko Milanic und verbundenen Augen über den Grenzübergang getragen. Heute trifft Beric für Rapid und Todorovski hat unter Franco Foda gegenüber Martin Ehrenreich das Nachsehen. Die Wunschspieler scheinen wie so oft spätestens mit Trainerwechsel alt, vergangen.

Der Gregoritsch-Faktor
“Es sind insgesamt sieben Spieler, die ich schon trainiert habe. Außerdem habe ich bei den jüngsten Transfers mit Darko Milanic und Gerhard Goldbrich gesprochen”, macht der in Graz so oft gescholtene Werner Gregoritsch im Spätsommer gegenüber Laola1.at keinen Hehl aus seinen engen Beziehungen zu Sturm. Und tatsächlich ist die Konstante Gregoritsch bei den jüngsten Zugängen der Grazer nicht von der Hand zu weisen. Fünf der 16 Spieler, die seit der Bestellung Gerhard Goldbrichs zum General Manager zu Sturm geholt wurden, hatten Werner Gregoritsch zum Trainer. Fast ein Drittel der Zugänge der Ära Goldbrich – namentlich Daniel Offenbacher, Marco Djuricin, Lukas Spendlhofer, Naim Sharifi und Simon Piesinger – haben ihn, den Gregoritsch-Faktor. Immer wieder und halböffentlich steht die GAK-Legende dem General Manager vor allem vor Transfers mit Rat und Tat zur Seite. Werner Gregoritsch ist ein langjähriger Freund von Gerhard Goldbrich: Die beiden waren miteinander beim Bundesheer, Gregoritsch war sogar Goldbrichs Trauzeuge. Das Wort kommt von Vertrauen.

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Dass Gregoritsch als U21-Nationaltrainer zu vielen Talenten, die zum Jagdrevier von Sturm Graz zählen, Kontakte hat, verwundert nicht. Auch Santner sieht die Verbindung zum U21-Coach und die Verpflichtung von solchen Teamspielern als “sehr positiv.” Doch seien “neben diesen jungen Neuverpflichtungen und der Rückkehr von Thorsten Schick die restlichen Transfers eher überflüssig gewesen”, bilanziert der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende die zurückliegende Transferzeit. Auch auf die jüngsten beiden Gregoritsch-Zukäufe könnten dieses Prädikat zutreffen. Da war zunächst die russische Wühlmaus Naim Sharifi. Nachdem er von Werner Gregoritsch 2010 bei einem Türkei-Trainingslager in der zweiten Elf von Lokomotive Moskau entdeckt und mithilfe seines österreichischen Beraters nach Kapfenberg gebracht wurde, holte ihn Gerhard Goldbrich im vergangenen Sommer zu Sturm. Praktisch seit Saisonstart ist der offensiv aufregende, aber defensiv ausbaufähige Tadschicke mit einem Kreuzbandriss out. Ob auch in diesen wie noch zu Kapfenberger Zeiten der Lankowitzer Lottomillionär Hubert Scheer die Transferrechte am Tadschiken hält, ist allerdings nicht bekannt.

Und dann ist da noch Simon Piesinger. Der Linzer war 2012 Teil des U21-Kaders von Werner Gregoritsch. Seither war der zuletzt so stark spielende Sechser vor allem auf Vereinsebene einigermaßen unerfolgreich, oder wenigstens unglücklich. Nach einen Engagement bei Blau-Weiß Linz galt der Mittelfeld-Hüne als Reservist beim Zweiligisten Wacker Innsbruck, bis er nach Empfehlung Gregoritschs und mittels Berater Max Hagmayr trotz laufendem Vertrag zu Sturm kam. Wieviel genau bei diesem Transfer an Ablöse von wem wohin geflossen ist, ist bis heute nicht bekannt – dass eine recht unübliche spielerseitige Option auf Verlängerung in den Vertrag geschrieben wurde, schon. Und dass Werner Gregoritsch eine Empfehlung für den “Kranich” bei Sturm deponiert hat, auch. “Als Einfädler sieht sich der Teamchef allerdings nicht”, so hieß es bei Laola1.at weiter.

„Wenn wir jemanden bei der Mannschaft oder sonst jemanden kennen, der ihn kennt, fragen wir natürlich nach.”

Imre Szabics

 

Wohin?
Der Chef-Einfädler bei Sturm Graz geht neuerdings andere Wege. Imre Szabics ist jetzt auch Trainer. Sturms Chefscout wurde im vergangenen Herbst zum Co-Trainer seiner Heimatnationalmannschaft Ungarn bestellt. „Für mich ist es eine Ehre, zusätzlich zur Aufgabe als Scout bei den Schwarz-Weißen für mein Land als Trainer auf der Bank sitzen zu dürfen“, hatte Szabics bei der ersten Einberufung im September gesagt. Jetzt hat er einen längeren Vertrag unterschrieben – Imre Szabics ist mit sofort fixer Co-Trainer von Pal Dardai der ungarischen Auswahl. Wahrscheinlich hat Imre Szabics in seiner Heimat tatsächlich “wichtige Kontakte”, wie es Gerhard Goldbrich einst formulierte. Testspieler oder gar Neuzugänge aus Ungarn vermisst man in Graz trotzdem bis heute schmerzlich.

“Scouting ist mit wirtschaftlichem Vokabular gesprochen ein wichtiger Teil des Business Development. Basel aber auch Red Bull zeigen, dass es sportlich und wirtschaftlich einer der Lebensnerven eines Fußballvereins ist”, schließt Friedrich Santner seine Expertise. Wie wird der Lebensnerv bei Sturm Graz also in Zukunft aussehen, wenn der oberste Beobachter womöglich bald abhanden kommt? “Mein Herz wird immer an Sturm Graz hängen, das wissen auch Christian Jauk und Gerhard Goldbrich. Beide sind informiert. Wir werden uns nun in aller Ruhe besprechen und für alle Beteiligten die beste Lösung finden”, schrieb Imre Szabics am 14. Dezember dazu auf seiner Facebook-Page. Ob er die Rolle als Grazer Chefscout behalten wird, ist fraglich. Vonseiten des Vereins wurde uns jegliche Auskunft zu diesem Thema versagt. Auch Jugendscout Dietmar Schilcher, der etwa Spieler wie Philipp Seidl oder Sandi Lovric nach Graz geholt hat, wirkt auf Nachfrage zugeknüpft – geworden: “Ich hab leider gerade vorher ein SMS gekriegt, dass ich nichts zu antworten habe”, sagt der. “An mir liegt es nicht. Ich hätte kein Problem damit.”

Arbeit gäbe es genug. Insbesondere die Torhüterposition läuft Gefahr, einigermaßen verwaist im Sommer anzukommen. Benedikt Pliquett wird wohl nicht länger bei Sturm Graz bleiben, auch Christian Gratzei ist vieles, aber sicher keine langfristige Lösung. Mit dem Leobener Urgestein soll man sich aber in Vertragsverhandlungen befinden. Dahinter gibt es “nur” den 17-jährigen Tobias Schützenauer. Schon vorher könnte auf der Stürmerposition akutester Handlungsbedarf entstehen – nämlich wenn Marco Djuricin womöglich schon bald den Rufen aus Leipzig, Paderborn, Salzburg, Brentford, Italien oder wo auch immer hin folgt. Die lautesten Gerüchte folgen jedenfalls noch den alten Mustern. Mit Roman Kienast, Darko Bodul und Gergely Bobal sogar haargenau.