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Sturm12-Abschlussserie

12 Momente: Lukas, Werner und Daniel

In der Abschlussserie erzählen ehemalige und (noch) aktive Sturm12.at-Redakteure ihre lustigsten, spannendsten und einprägsamsten Momente aus ihrer Zeit bei Sturm12.at. 12 persönliche Geschichten aus sechs Jahren:

In sechs Jahren erlebt sich viel. Insbesondere in einem umtriebigen Projekt. Die Redakteure von Sturm12.at hatten in den vergangenen sechs Jahren hunderte von Geschichte zu erzählen. Nicht jede davon erblickte das Displaylicht unserer User. Manche Geschichten behielten wir (teilweise) für uns. Weil sie in einem Medium mit Qualitätsanspruch bloß persönliche Randnotizen waren. Und persönliche Darstellungen nie das Ziel von Sturm12.at waren. An oberster Stelle stand immer der Informationswert für die User. Im Redaktionszirkel machten aber oft unveröffentlichte Geschichten den Umlauf. Weil sie dennoch der gemeinsamen Unterhaltung dienten, mit Redaktionsnostalgie verbunden sind oder wir sie uns schlichtweg ganz für den Schluss aufgehoben haben. In unserer Abschlussserie erzählen ehemalige und (noch) aktive Redakteure von ihren einprägsamsten Momenten während ihrer Zeit bei Sturm12.at. Den Anfang machen Peter Troissler, Andreas Terler und Markus Zottler.

 

Under Great White Northern Lights von Peter “Präsident” Troissler 

Juli 2013. Schiedsrichter Ognjen Valjic aus Bosnien beendet das Fußballspiel zwischen Breidablik Kopavogur und Sturm Graz. Ich sitze und schwitze in einer Altbauwohnung in der Grazer Radetzkystraße. Nicht weil das Spiel besonders spannend war und auch nicht, weil der Sommer außergewöhnlich heiß ist. Nein, ich schwitze, weil dieses heutige Sturm-Spiel etwas besonderes war.

An diesem 18. Juli treffen die Schwarzen aus Graz in der Qualifikation zur Europa League in Kopavogur, einem Vorort von Reykjakvik, auf die isländischen Außenseiter.  Das Spiel ist für Sturm12.at kein Spiel wie jedes andere: Durch die tatkräftige finanzielle Unterstützung der Sturm12.at-Leserinnen und Leser konnten wir uns die sehr teure Reise für einen Redakteur überhaupt erst leisten. Gleichzeitig stand uns ein, aller Voraussicht nach, sehr gut “klickender” Liveticker bevor, da das Spiel weder in den verschiedenen “Internets” via Livestream, noch im Fernsehen gezeigt wurde. Im Nachhinein betrachtet sollte es sogar der meistgelesene Ticker aller Zeiten sein. Und das wichtigste Detail am Rande der Partie: Mit der späteren Ticker-Legende Lukas Matzinger schickten wir damals einen absoluten Frischling und Liveticker-Neuling in den hohen Norden. Diese Tatsache sorgte durchaus für ein bisschen Bauchweh (entschuldige, Lukas!) bei den Verantwortlichen, vor allem auch deswegen, weil die Spielberichterstattung auf Sturm12.at prinzipiell aus dem Liveticker, einem Spielbericht, Audiofiles, also den Stimmen zum Spiel, und einer Fotogalerie bestand. Lukas sollte also quasi zeitgleich vier Geschichten schreiben. Da sich diese Aufgabe in der Planung als unlösbar herausstellte, mussten wir improvisieren.

Am Tag vor dem Spiel kutschierte ich Lukas zum Flughafen Graz, wo die Spieler des SK Sturm gerade eincheckten. Lukas nahm seinen Koffer, drehte sich zu mir um und sagte: “Wird scho hinhauen, Peda!” Natürlich würde es hinhauen. Knapp eine Stunde vor Anpfiff öffneten Clemens Ticar, damals noch Chefredakteur und QWERTZ-Bomber vom Dienst, Markus Zottler und ich unsere Notebooks und bereiteten uns auf DIE Spielberichterstattung vor. Via Skype starteten wir eine Konferenz mit Lukas in Island und Jürgen Pucher in Wien. Letzterer bekam die undankbare Aufgabe zugetragen, den Spielbericht zu dieser Partie zu verfassen, ohne eine einzige Sekunde davon gesehen zu haben. Lukas tippte abwechselnd in den Liveticker und in den Skypechat. “Um etwaigen Fragen vorzubeugen: Ja es ist wirklich sehr kalt. Und nein, es wird wirklich nicht finster”, war da etwa im Ticker zu lesen. “I GSPIA MEINE FINGER NET MEHR UND ES WOR NO NET AMOI ANPFIFF!”, stand zeitgleich auf Skype. Lukas hielt durch. Clemens, Markus und ich schmückten die knappen Erzählungen Lukas’ für Facebook- und Twitter-Postings blumig aus. Als die maue Partie beim Spielstand von 0:0 in die Zielgerade einbog, tippte Lukas noch ein paar Facts zum Spielverlauf in den Skypechat, nahm danach das Aufnahmegerät in die Hand und lief in die Mixed-Zone, um Stimmen der Spieler einzufangen. Clemens, Markus und ich schmückten wieder ein wenig aus und beendeten den Ticker von Graz aus, ohne auch nur eine einzige der beschriebenen Szenen gesehen zu haben. Ebenso wie Jürgen, der einen fabelhaften Spielbericht fabrizierte. Hätte Sturm in Minute 93 getroffen, wir hätten es nicht gewusst. Sturm traf – aus damaliger Sicht muss man trotz schwarz-weißer Brille “Gott sei dank” sagen  – nicht mehr. Auch ein paar Tage später war die Neuner-Kette der Isländer nicht zu überwinden und die Grazer verabschiedeten sich mit einer peinlichen Heimniederlage aus der Qualifikation.

Über 9.000 Leser waren bis Schlusspfiff bei diesem Liveticker aus Island dabei. Das war Rekord. Ist es auch heute noch. Als Obmann des Vereins Sturm12.at möchte ich mich dafür und vor allem auch für die Kritik, das Feedback und die vielseitige Unterstützung in den letzten knapp sechs Jahren nochmal herzlich bedanken. Ihr alle wart für dieses Projekt überlebenswichtig, ein unverzichtbarer Teil davon. Wir alle waren Sturm12. Es war mir eine Ehre mit und für euch zu schreiben.

 

Fünf Mal „Oarsch“ in 45 Sekunden  von Andreas Terler

Nach verdienten Meisterehren stolperte der SK Sturm in der Saison 2011/12 über mehrere Hochzeiten. Der Herbst als Titelverteidiger war dicht und von Inkonstanz und mühsamen Spielen geprägt. So wie jenem am 6. November.

Vor der 14. Runde hieß der Tabellenführer Admira und Sturm war – zehn Runden nachdem man das Schlusslicht darstellte – auf Platz sechs angelangt. Das Duell mit dem SV Kapfenberg – seit dessen Aufstieg und dem Verschwinden des GAK zum Derby hochstilisiert – lockte an diesem trüben Sonntag, trotz ORF-Liveübertragung, 12.000 Fans nach Liebenau. Sturm führte eine tragische Komödie auf, die einer Kurzfassung der Herbstsaison gleichkam. Hauptdarsteller Darko Bodul versetzte seinen Trainer und den Anhang mit einer Mischung aus Überheblichkeit und Unvermögen mehrmals in Rage, ehe er in Minute 96 mithilfe des Hinterns von Michal Ordos doch noch das Siegtor produzierte.

Wie üblich hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon meinen Platz auf der Pressetribüne geräumt, um mich auf den Weg in die Mixed-Zone zu begeben, wo ich mich einmal mehr auf die Mammutaufgabe einstellte: Verbitterten Grazern Sätze aus der kalten und enttäuschten Nase zu ziehen. Die Schlusssekunden einer verdächtig langen Nachspielzeit liefen noch auf einem Fernseher vor meinen Augen im Presseraum ab. Dort, wo sich auch einmal ein selbsternannter Volks Rock nRoller vor seinem Auftritt mit nervöser Hand das eine oder andere Bier einverleibt hatte, prasselte tobender Jubel wie stürmischer Regen auf mich herab.

Die Gedanken neu ordnend, stellte ich mich an das Ende des Spielertunnels. „Das war heute Krieg bis zum Ende“, hielt Silvije Čavlina fest. „Das sind die schönsten Momente“, fand Franco Foda. „Spannende Interpretationsunterschiede“, dachte ich mir. Doch erst als David Sencar ein angebliches Foulspiel vor dem Siegtor zu erklären versuchte, nahm dieser Nachmittag eine unterhaltsame Wende. Gästetrainer Werner Gregoritsch – Fußballösterreich seit jeher als homophobes Rumpelstilzchen bekannt – drehte am Ventil für seine angestauten Aggressionen und machte einen Schiedsrichterassistenten in gewohnt ungehobelter Manier auf seine Fehler aufmerksam. Dabei war er so in Rage, dass er sogar ein paar Sekunden benötigte, bis ihm das Wort „Einwurf“ einfiel. Als ihn dann ein Securitymitarbeiter darum bat, doch bitte in die Kabine zu verschwinden, war es um den Berufscholeriker geschehen. Medienvertreter wandten ihre Blicke von den Spielern ab, die sich nach der Reihe umdrehten, um ein original steirisches Naturschauspiel zu verfolgen.

Geh weg, sonst schlog‘ i dir ane eini. Schleich di, du Oarsch, du. Geh weg vo mir! Du Oarsch, du. I kann da stehen was i will do. Schleich di do. Schleich di do jetzt. Schleich di von do vo mir auf an halben Meter du Oarsch du. Waßt selber, dass i an‘zunden bin und foahrst zu mir zuwi. Wos is mit dir? Was willst vo mir? Du Oarsch du. Da ist die Coachingzone, da kann i reden, was willst du zu mir sagen i sull eini gehen? Halt die Pfeifn, du Oarsch du. G’schissener du. Du weißt genau wie’s mir geht. Sowas hab i no nie erlebt. Was blast du di auf, du Volltrottel du?“

Als sich der offizielle Werner danach freiwillig vor die Mikrofone stellte und meinte, dem Schiedsrichter einen Vorwurf zu machen, wäre nicht in Ordnung, musste ich mir ein Grinsen verkneifen. Wenige Stunden später unterhielt Sturm12.at mit dem Audiofile des steirischen Wüterichs ein ganzes Land und konnte seine Bekanntheit wieder um ein Stück steigern. Zwei Fakten muss ich mir jedes Mal, wenn ich mir dieses Stück jüngerer Bundesligageschichte anhöre, von neuem vor Augen führen. Erstens: Dieser Mann zeichnet für Österreichs U-21-Nationalteam verantwortlich. Und zweitens: Er ist gelernter Hauptschullehrer.

 

Brothers in Arms von Markus Zottler

Es war eine Zeit, als Franco Foda zum ersten Mal intensiver mit dem 1. FC Kaiserslautern flirtete und ein Sturm12.at-Interview mit Walter Hörmann für viel Aufregung sorgte. Der ehemalige Sportdirektor hatte in seiner unnachahmlich konkreten Art Sturm-Präsident Hans Rinner fehlende Kompetenzen vorgeworfen – sportlich wie ökonomisch und überhaupt. Die Quintessenz: “Es war mit einem Hans Rinner nicht möglich zu arbeiten”. Das Interview, ein rhetorischer Rundumschlag der emotionalen Sonderklasse. Ein paar Tage später feuerte der Präsident via Sturm12.at zurück: Hörmann habe vieles nicht verstanden und könne ja  selbst nicht einmal zwischen einer Personengesellschaft und einer Kapitalgesellschaft unterscheiden. Außerdem habe er, Rinner, nie gesagt, dass Hörmann bei Sturm gute Arbeitet geleistet habe. Na bumm.

Auch sportlich stand der Sommer 2009 unter frechen Vorzeichen, personifiziert vom damals 20-jährigen Daniel Beichler. In der Saison davor hatte den Youngster ein 137-Minuten-Schnitt pro Tor zum effizientesten Spieler der Schwarz-Weißen gemacht, die Sturm12.at-Leser honorierten das mit dem Sieg beim Leserzeugnis und einer Rekordbewertung von 1,28. Wir nahmen das zum Anlass, um mit Beichler einen Interview-Termin auszumachen. Das Ganze sollte während des Trainingslagers in Bad Radkersburg stattfinden, telefonisch hatten wir uns mit dem offensiven Mittelfeldspieler geeinigt. Damals, als es noch keine vom Verein gesteuerte und inhaltlich hochglanzpolierte Kommunikation gab. Beim Hotel der Grazer angekommen, noch ein schneller Anruf. “Ja, kommt’s einfach rauf ins Zimmer. Dann machen wir das”.

Es war eine Zeit, als wir journalistisch unbekümmert und gleichzeitig mit hochprofessioneller Attitüde tollpatschig arbeiteten. Learning by doing im ureigensten Sinne, aber stets ambitioniert und mit viel Freude. So sitzen wir plötzlich in diesem chaotischen, völlig unaufgeräumten Zimmer; hören, dass Franco Foda davon besser nie erfahren darf, und sprechen mit Beichler über sein Verständnis von Sturm Graz, unterschiedlichste Fußballertypen und die aufstrebende Marke Marko Arnautovic. “Wenn jemand frech ist, ist das auch in Ordnung”, sagt der 20-Jährige in diesem Zusammenhang. Wir nehmen es als Titel des Interview – auch weil es den quirligen und keinesfalls auf den Mund gefallenen Grazer selbst ideal beschreibt.

Zimmergenosse Jakob Jantscher nimmt all das seelenruhig auf dem Bett liegend zur Kenntnis. Die “Turbo-Twins”, wie Medien in diesen Zeiten gerne über die beiden Jung-Nationalspieler schreiben. “Brothers in Arms” – gedankliche Waffenbrüder, sportlich sozialisiert in der Gruabn, später Teile der Fankurve und selbst Sturm-Spieler. Authentizität, Unbekümmertheit und Vereinsverbundenheit machten die beiden zu Publikumslieblingen und beschrieben dadurch ein besonderes Kapitel Sturm-Geschichte.

“Wer mich kennt weiß, dass ich in der Öffentlichkeit entweder die Wahrheit sage, oder das Thema gänzlich unkommentiert lasse”, sagte Daniel Beichler in einem anderen Sturm12.at-Interview. In Berlin soll dem Grazer bei Hertha BSC Ersteres auf den Kopf fallen und in weiterer Folge einer Rückkehr zu Sturm den Weg ebnen. Dort lernt Beichler die kurze Halbwertszeit von Zuneigung am Fußballplatz kennen. Beim aktuellsten Leserzeugnis landet der heute 26-Jährige mit 4,32 als Durchschnittsnote am letzten Platz.