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Sturm12.at-Abschlussserie

12 Momente: Christopher, Didi und Jürgen

In der Abschlussserie erzählen ehemalige und (noch) aktive Sturm12.at-Redakteure ihre lustigsten, spannendsten und einprägsamsten Momente aus ihrer Zeit bei Sturm12.at. 12 persönliche Geschichten aus sechs Jahren:

In sechs Jahren erlebt sich viel. Insbesondere in einem umtriebigen Projekt. Die Redakteure von Sturm12.at hatten in den vergangenen sechs Jahren hunderte Geschichten zu erzählen. Nicht jede davon erblickte das Displaylicht unserer User. Manche Geschichten behielten wir (teilweise) für uns. Weil sie in einem Medium mit Qualitätsanspruch bloß persönliche Randnotizen und persönliche Darstellungen nie das Ziel von Sturm12.at waren. An oberster Stelle stand immer der Informationswert für die User. Im Redaktionszirkel machten aber oft unveröffentlichte Geschichten den Umlauf. Weil sie dennoch der gemeinsamen Unterhaltung dienten, mit Redaktionsnostalgie verbunden sind oder wir sie uns schlichtweg ganz für den Schluss aufgehoben haben. Den krönenden Abschluss dieser “Abschlussserie” bilden heute drei Anekdoten von drei Protagonisten, die Sturm12.at wesentlich geprägt haben. Jürgen Pucher, Clemens Ticar und Christopher Houben erzählen ihre einprägsamen Momente.

 

Der Profi von Jürgen Pucher

Es war im November 2011. Sturm trat in der Europa League gegen Anderlecht in Brüssel an. Mein letztes Spiel gemeinsam mit Christopher Houben. Einige Wochen später wechselte er als wirtschaftlicher Geschäftsführer des SK Sturm nach Messendorf. Es sollte in mehrerlei Hinsicht eine Auswärtsfahrt werden, die in Erinnerung blieb.

Christopher und ich hatten vereinbart, uns einen Tag vor der Partie in Brüssel zu treffen. Ich war beruflich schon dort, er kam aus Deutschland. Von Anfang an, wie soll ich sagen, gab es einen gewissen Energieunterschied innerhalb dieser Matchcrew von Sturm12.at. Christopher war am Rande von überdreht und voller Tatendrang, ich war ein wenig ausgelaugt von anstrengenden Arbeitstagen davor. Am Matchtag gesellte sich noch ein befreundeter Kollege von laola1.at zu uns dazu und wir bildeten sozusagen eine Reisegruppe.

Erste Station Bahnhof und das Eintreffen der tausend Sturmfans beobachten, die im Sonderzug zu dieser Partie aus Graz angereist sind. Ein ziemliches Spektakel. Vor allem der folgende gemeinsame Marsch durch Brüssel, der für einiges Aufsehen gesorgt hat. Christopher war in seinem Element: Facebookpostings twittern und Fotografieren im Akkord.
Ich war bei diesem Match für den Spielbericht zuständig und habe tagsüber schon ein bisschen Bier getrunken. Erstens weil die ganze Action atmosphärisch sehr dazu eingeladen hat, zweitens weil ich seit jeher der Meinung war, dass ungefähr drei große Biere eine ziemlich gute Unterlage für einen sehr pointierten Spielbericht sind. Den ganzen Fußmarsch zum Constant Vanden Stock haben wir dann nicht mitgemacht, zu knapp vor Spielbeginn wären wir sonst eingetroffen. Also U-Bahn.
Als wäre alles nicht schon hektisch genug gewesen: Fahrscheinkontrolle. Christopher und der Kollege von laola1.at hatten keinen. Böse Zungen behaupten, ich sei ein wenig Mitschuld daran gewesen, weil ich darauf gedrängt habe, sich jetzt nicht extra beim Ticketautomaten anzustellen. Der Stimmung hat das nicht besonders gut getan, obwohl nach langer Diskussion und den nichtsahnenden ausländischen Journalisten mimen, der Kontrolleur ein Auge zugedrückt hat.

Dann endlich Stadion. Das Akkreditierungsprozedere war mühsam, die Arbeitsbedingungen eher dürftig. Christopher wurde langsam richtig mürrisch, die anderen zwei Drittel der Gruppe waren zunehmend amüsiert. Als dann der Sturmanhang eingetroffen ist und mit furioser Laustärke losgelegt hat – der Support gegen Anderlecht war, unterstützt durch die Spitzenakkustik des Constant Vanden Stock und trotz der 3:0-Niederlage der Grazer einer der besten, den ich persönlich miterleben durfte – verfasste Christopher einen Facebook-Eintrag mit den Worten: „Die über tausend ‚Schlachtenbummerl‘ aus Graz…“.
Das war natürlich unfreiwillig eher sehr komisch und der Schmäh rannte ein wenig. Auch die Kollegen aus Graz ließen sich zum einen oder anderen Kommentar hinreißen. Einer fand es nicht so witzig. Wir brachten das Spiel dann aber ganz sauber über die Bühne, die einen immer wieder kichernd, der andere eher reserviert. Als aber dann nach dem Match Franco Foda wieder einmal seine fünf Minuten hatte und sich weigerte, an der Pressekonferenz teilzunehmen, weil sich der Anderlecht-Coach vorgedrängt und nicht dem Gästetrainer wie üblich den Vortritt gelassen hatte, brachen bei Christopher die Dämme.

Alle seien unprofessionell, Foda und ich sowieso. Der ganze Heimweg zum Hotel war ein ausgewachsenes Schreiduell, der Kollege von laola1.at scheiterte beim Vermitteln nachhaltig. Christopher hatte natürlich nicht Unrecht, und ein bisschen plagte mich die Tage danach auch das schlechte Gewissen. Aber eine seiner vielen herausragenden Qualitäten war, dass er nie nachtragend war. Deshalb war die Geschichte zwischen uns auch bald wieder vergessen. Die Erinnerung an eine ziemlich außergewöhnliche Europa-League-Partie aber bleibt.

 

Als ich kurz der Didi war von Clemens Ticar

Oh, wie sehr vermisse ich die Transferzeiten. Das war etwas Besonderes. Den Gerüchten nachzugehen, quer durch Europa zu telefonieren und am Ende genau gleich viel und wenig zu wissen wie zuvor. Und dann von Transfers völlig überrascht zu werden. Transferzeit war bei Sturm12.at immer Chef-Angelegenheit. Die Transfer-Taskforce – ja, die hieß wirklich immer so – wurde in den Anfangszeiten von Christopher Houben geleitet.

Auch damals, im Sommer 2010. Wie immer, als Oliver Kreuzer Sportdirektor war, war Dieter Elsneg bei Sturm Graz im Gespräch. Damals war Elsneg noch bei Frosinone Calcio unter Vertrag. Ich war gerade in der Grazer Stadthalle in irgendein Projekt involviert, als mein Handy klingelte. Christopher, der sich um Elsneg “kümmern” wollte, war dran. „Clemens“, sagt er in seiner unglaublich liebevollen Aufgeregtheit. „Ich habe Didi Elsneg erreicht. Er hatte gerade keine Zeit. Ich darf mich in einer halben Stunde wieder melden. Das wird eine Geschichte“, schnaufte er ins Telefon. Ich – weil eben dieses Projekt in der Stadthalle habend – musste Christopher unterbrechen. „Tschuldige“, sagte ich, „ich hab’ keine Zeit. Ich melde mich am Abend.“

Ich dachte nicht weiter darüber nach. Etwa 30 Minuten später läutete wieder mein Handy. „Christopher Houben“, stand am Display. „Zefix“, dachte ich. „Warum sagt man ihm denn überhaupt, dass man keine Zeit habe?“ „Ja“, hob ich ab – mit forschem Ton. „Hallo. Christopher Houben von Sturm12.at“, schoss Christopher scharf ins Handy. „Waaaaaaaaaas?“, dachte ich mir und ließ ihn reden. „Wir sind ein unabhängiger Blog, der sich intensiv mit der Berichterstattung rund um Sturm Graz beschäftigt. Didi Elsneg, dein Name wird in Graz in letzter Zeit immer wieder genannt. Hast du mit Sturm Graz schon Kontakt gehabt?“, fragte Christopher. „WAAAAAAAS?“, dachte ich noch einmal – und bestätigte den Transfer. Sogar über mein Gehalt sprachen wir. (Ich weiß nicht mehr, wie viel ich als Didi Elsneg verdiente.) Einige Minuten dauerte das Spektakel. Ich jubilierte innerlich. Die einzige Angst: Hoffentlich twittert Christopher nicht live. HOFFENTLICH TWITTERT CHRISTOPHER NICHT LIVE!

Und dann fragte ich:
„Du, Christopher, mit wem redest du denn gerade?“
„Elsneg? Herr Elsneg? Didi Elsneg?“, kam die Antwort.
„Na, Christopher. Ich bin’s.“ Ein kurzer Augenblick der Stille.
„Fuck! Das darf niemals jemand erfahren”, meinte Christopher.
Dann legte er auf.

Bis zur ersten Weihnachtsfeier von Sturm12.at habe ich auch still gehalten. Seit damals darf ich jedes Mal, wenn eine Redakteurs-Gruppe bierschwanger beisammensitzt, diese Geschichte interpretieren. Das wird mir noch mehr fehlen, als mir die Transferzeit fehlt. Wobei – ganz privat treffen kann man sich ja trotzdem. Um über gute Zeiten zu reden. Und die vier Jahre, die ich bei Sturm12.at verbringen durfte. Die waren gut. Sehr gut.

 

Sinkende Aktien von Christopher Houben

Es war der 27. Jänner 2012, an dem ich meinen letzten Artikel auf Sturm12.at, das ich 2009 zusammen mit Julia Wendl gegründet hatte, angelegt habe. Es war eine wenig bedeutende Liveticker-Nachlese zum Testspiel gegen Dila Gori. Wohl deutlich interessanter waren zwei Artikel zuvor. Neben der Erklärung zu den vereinsrechtlichen Abläufen der außerordentlichen Generalversammlung, versuchte ich mich ausgerechnet an einer Prognose, was die Machtübernahme durch den neuen Vereinspräsidenten Christian Jauk bedeuten könnte. Davon, dass ich selbst nur einen Monat später als neuer wirtschaftlicher Geschäftsführer von Sturm präsentiert werden und ich mich damit vollständig von Sturm12.at zurückziehen würde, hatte ich zum damaligen Zeitpunkt noch keinen Tau. Nachdem das Portal mit Jahresende 2014 seine Pforten schließt, kehre ich kurzzeitig zu Sturm12.at zurück, um einen kleinen Blick zurück in die Anfangszeit zu werfen.

Als wir im Februar 2009 unseren allerersten Artikel auf Sturm12.at veröffentlichten, war Julia und mir so gar nicht klar, wohin die Reise gehen sollte. Das einzige Ziel: Eine Story pro Woche – nicht mehr und nicht weniger. Gerade mal eine Woche lang sollte diese Vorgabe an uns selbst Bestand haben.

Den ersten internen Höhepunkt erlebte das neue Medium durch ein legendäres Treffen am 13. März 2009. Nachdem es zuvor nur Internet-Kontakt gegeben hatte, traf ich vor dem Heimspiel gegen die SV Ried zum ersten Mal auf die Herrschaften Markus Zottler, Jakob Traby, Clemens Ticar und Christoph Regger. Die vier interessierten sich nicht nur dafür, bei Sturm12.at mitzuarbeiten, sie ließen sich auch nicht durch eine in Schriftgröße vier auf einen A3-Bogen gepresste, mit mehr als 100 Unterpunkten versehene Mindmap abschrecken, die ich ihnen – so ganz ungeniert – gleich nach der Begrüßung vorlegte, um ihnen die Vision von Sturm12.at zu erklären. Dass die vier mich nicht gänzlich für verrückt erklärten und sich tatsächlich auf das Projekt einließen, erwies sich als absoluter Glücksfall – schließlich entwickelte sich daraus das erste Sturm12.at-Strategieteam, das in weiterer Folge alle wesentlichen Entscheidungen des Mediums diskutieren und treffen sollte.

Vor-Ort-Berichterstattung war von Anfang an einer der wesentlichen Eckpfeiler. Nach dem ersten Liveticker, den wir noch vom Wohnzimmersofa eines guten – mit Sky ausgestatteten – Freundes aus verfassten, waren wir am 4. April 2009 erstmals für ein Sturm-Auswärtsspiel akkreditiert. Angenehm zu erreichen, erwies sich das Spiel in Mattersburg ganz und gar nicht als einfacher Einstieg in die Auswärtsberichterstattung. Nach einer enttäuschenden Leistung der Schwarz-Weißen, die in einem 0:0 mündete, kam es vor den Toren des Pappelstadions zu einer Busblockade. Zahlreiche Fans der Grazer hinderten den Mannschaftsbus an der Abreise und forderten Coach Franco Foda zum Dialog auf. Voller Reporter-Eifer wollte ich das gerade erst erstandene Aufnahme-Gerät sogleich zum Einsatz bringen. Hätte ich damals die technischen Fähigkeiten besessen, es auch dementsprechend zu bedienen, gäbe es von der Aussprache zwischen Foda und den Fans auch ein entsprechendes Tondokument. Wirklich hitzig wurde es aber erst nach dem Spiel. Sturm12.at-Kolumnist Jürgen Pucher ließ es sich nicht nehmen, die Busblockade als Schwachsinn zu bezeichnen. Es war das erste, aber bestimmt nicht das letzte Mal, dass ein Kommentar von Jürgen für Aufruhr sorgen sollte. Die im Rahmen dieser Diskussion formulierte Wunsch des Users Philipp „Bleibt zu hoffen, dass Juergen Pucher hier weiterhin nur wenige Blaetter vor den Mund nehmen muss“ dürfte in weiterer Folge wohl in Erfüllung gegangen sein.

Ebenso, wie sich eine nur kurze Zeit später von Oliver Kreuzer getätigte Aussage bestätigte. In einem der ersten persönlich (und nicht über Telefon) geführten Interviews von Sturm12.at ließ der damalige Sportdirektor Clemens Ticar und mich in seinem unverkennbaren Akzent wissen: „Haris Bukva ist ne Aktie.“ Dass Aktien auch fallen können, das war ihm damals wohl nicht so bewusst.