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Sturm12-Abschlussserie

12 Momente: Gordon, Peter und Ivan

In der Abschlussserie erzählen ehemalige und (noch) aktive Sturm12.at-Redakteure ihre lustigsten, spannendsten und einprägsamsten Momente aus ihrer Zeit bei Sturm12.at. Zwölf persönliche Geschichten aus sechs Jahren:

In sechs Jahren erlebt sich viel. Insbesondere in einem umtriebigen Projekt. Die Redakteure von Sturm12.at hatten in den vergangenen sechs Jahren hunderte Geschichten zu erzählen. Nicht jede davon erblickte das Displaylicht unserer User. Manche Geschichten behielten wir (teilweise) für uns. Weil sie in einem Medium mit Qualitätsanspruch bloß persönliche Randnotizen und persönliche Darstellungen nie das Ziel von Sturm12.at waren. An oberster Stelle stand immer der Informationswert für die User. Im Redaktionszirkel machten aber oft unveröffentlichte Geschichten den Umlauf. Weil sie dennoch der gemeinsamen Unterhaltung dienten, mit Redaktionsnostalgie verbunden sind oder wir sie uns schlichtweg ganz für den Schluss aufgehoben haben. In unserer Abschlussserie erzählen ehemalige und (noch) aktive Redakteure von ihren einprägsamsten Momenten während ihrer Zeit bei Sturm12.at.

Im dritten Teil dreht sich alles ums Kennenlernen. Fabian Zerché sah Gordon Schildenfeld auf die Beine, Adrian Engel traf auf Peter Hyballa und Lukas Matzinger hörte Ivan Osim zu. Alles zum ersten Mal.

 

Der Schildenfaild, noch immer ein bisserl peinlich von Fabian Zerché

An welchem Tag mich Christopher Houben über die Message-Funktion eines bekannten Fußballforums kontaktierte, kann ich nicht mehr genau sagen. Ihm gefielen offenbar meine Beiträge und er war auf der Suche nach weiteren Berichterstattern für sein Herzstück Sturm12.at. Überreden musste mich Christopher nicht und so saßen wir, zusammen mit Mitgründerin Julia Wendel, am 28. Juni 2009 im Auto Richtung St. Veit. Mein erster Tag – und er sollte mir auch heute noch ein wenig peinlich sein.

Sturm testete gegen ND Gorica. „Kein gewöhnliches Aufbauspiel“, erklärte mir Christopher während der Fahrt. Und er hatte Recht. Denn Sportdirektor Oliver Kreuzer hatte zwei Testkandidaten für die vakante Position im Abwehrzentrum eingeladen. Zum Vorspielen quasi. Die Namen? Velibor Vasilic und Gordon Schildenfeld. Klar war auch: Einen Vertrag würde es nur für einen geben. Beide durften sich je eine Halbzeit beweisen. Und darauf fokussierte sich auch das Interesse der Liveticker-LeserInnen.

Das Spiel selbst war ziemlich furchtbar. Ein Testspiel halt. Und ehrlich gesagt auch ein bisschen davon, was Sturm damals spielerisch auftischte. Etwa wie trockenes Brot mit Wasser. Halbwegs zweckerfüllend, aber wenig befriedigend. In der ersten Halbzeit bekam Vasilic seine Chance. Und er gefiel uns – sehr sogar. „Vasilic ist der Ruhepol in der Sturm-Verteidigung und gibt immer wieder Kommandos an seine Mitspieler“, war von uns damals im Ticker zu lesen. „Er ist Sturms stärkster Mann im defensiven Bereich und dirigiert die Abwehr mit energischen Kommandos.“

Testgegner Gorica spielte in Halbzeit eins deutlich besser, was Vasilic zugute kam. Für die zweiten 45 Minuten brachte Franco Foda Schildenfeld neben Ferdl Feldhofer. Sturm hatte sich gefangen, Gorica machte sich offensiv wenig bemerkbar. Darum konstatierten wir, dass „von Schildenfeld wenig zu sehen ist“. Aber: „Er wirkt ein wenig unbeweglich.“ Auf die Frage nach den besten Performern antworteten wir mit „Vasilic und Muratovic“. Dann schlich sich bei Schildenfeld ein katastrophaler Fehlpass ein – wir ließen ihn nicht unerwähnt. Am Ende fassten wir zusammen: „Schildenfeld wirkt oftmals unbeweglich und sperrig. Im Vergleich zu Vasilic zieht er eindeutig den Kürzeren.“

Was sich fünfeinhalb Jahre später kurios liest, empfanden wir damals so. Schildenfeld wirkte an diesem Tag unbeholfen und langsam. Und Vasilic? Souverän. Dazu Schildenfelds Vergangenheit. Reservistendasein, schwere Verletzungen, kuriose Transfers – da passte Vieles nicht ins Bild. Als sein Berater, der sich auch zum Spiel eingefunden hatte, mit seiner fetten SUV-Karosse aus dem beschaulichen St. Veit abrauschte, sagten wir uns: „Der wird wohl wo anders sein Glück versuchen müssen.“

Retrospektiv betrachtet muss ich mich am besten dreimal bekreuzigen, dass sich Kreuzer und Foda damals nicht blenden ließen. Denn was dann passierte, ist kein unwesentliches Stück Vereinsgeschichte. Sturm entschied sich für Schildenfeld. Und „Flash Gordon“ mauserte sich zum besten Sturm-Verteidiger der letzten zehn Jahre. Erst der Cup-Sieg, dann die Meisterschaft – ob dies auch mit Velibor Vasilic so passiert wäre? Schildenfeld wurde zur zentralen Rolle in Sturms zweckorientiertem Defensiv-Konzept. Vasilic verbrachte seine Zeit hingegen irgendwo zwischen vereinslos und Premijer Liga (Bosnien) – mittlerweile kickt er für TSV Hartberg II. Ja, TSV Hartberg II. Fünfeinhalb Jahre später kann ich peinlich berührt darüber schmunzeln.

 

Peter, ich und die Eitelkeit von Adrian Engel

Die Sträne präzise hinter das Ohr gegelt, die Bartstoppeln penibel zurechtgestutzt. An mir ging ein eitler Mann vorbei. „Gab es die Hose auch in deiner Größe?“, fragte mich Peter Hyballa, als er mit seinen Spielern den Trainingsplatz betrat. Auf Angriff war ich nicht vorbereitet – und mit meinen 19 Jahren wäre ich nicht einmal dann gewappnet gewesen. Ich sagte nichts und umgriff nervös meinen Notizblock für den Trainingsbericht.

Es war meine zweite Geschichte für Sturm12.at, die ich an diesem Tag schreiben sollte. Am Wochenende hatte Hyballa – nicht unbegründet – nach eine Niederlage gegen Rapid im Interview mit sky gesagt, dass die lokalen Medien gegen ihn anschreiben. “Das ist eine Hetzkampagne gegen mich. Egal ob wir gewinnen oder verlieren – es geht immer alles auf mich drauf.“ Hier bekam ich drauf. Hyballa war heute Zirkusdirektor, der Kunstrasen in Messendorf seine Manege – und ich sein Sidekick. „Skandal in Graz: Hyballa bewirft Journalisten mit Hütchen“, sagte er, als er nach dem Aufwärmen die gestapelten Jako-Plastikhütchen nahm und mir einzeln vor die Füße warf. „Hey, Sturm12! Nächste Schlagzeile: Kapitän Säumel versagt!“, schrie er mir lauthals zu, als Jürgen Säumel bei der Torabschlussübung danebenschoss. Hyballa nützte jede Übung für polemische Zwischenrufe. Die Anwesenheit eines Journalisten war das zentrale Element der Trainingseinheit.

„Du darfst das nicht ernst nehmen“, sagte mir der Sturm-Pressesprecher, der Schritt für Schritt hinter mir hertapste. Ging ich auf die andere Spielfeldseite, folgte er mir. Er wusste, wie impulsiv Hyballa sich gegenüber Journalisten verhielt und versuchte, der beschwichtigende Botschafter des Deutschen zu sein. Einen Print-Kollegen hat Hyballa angeblich einmal Zwerg genannt, einen anderen dick.

Doch am Feld brachte sich das direkte Gemüt etwas. Mit seiner eindringlichen Art konnte Hyballa begeistern. Er machte aus den Übungen einen Wettkampf. Vielen Spielern gefiel das. Ich sah Pascal Legat, der zum ersten Mal mittrainieren durfte, bis in die Haarspitzen angestachelt. Florian Kainz hatte Freude am Training, dass es eine ebensolche war, ihm dabei zuzusehen. Jürgen Säumel ging mit einem Elan in jede Aktion, als würde er in einem Bundesligaspiel am Platz stehen. Andere Spieler kamen mit der Impulsivität weniger gut zurecht – aber welche Mannschaft kann ein Trainer schon zu hundert Prozent homogen motivieren? Ich beobachtete also einen Trainer, der seine Mannschaft erfolgreich trainierte.
In Bewerbspielen hatte die Mannschaft nicht den angestrebten Erfolg. Vielleicht, weil Hyballa provozierte, aneckte, ein Exzentriker im gemütlichen Graz auf stark unfruchtbarem Boden werkte. Vielleicht aber auch, weil Hyballa ein eitler Mensch ist und wie beim Training an diesem Tag mit dem Fokus auf unwichtige Nebenschauplätze seinen Spielern die Sicht aufs Wesentliche trübte. Oder vielleicht sind Journalisten auch eitle Menschen.

Nach dem Training sagte Hyballa zu mir: „Wenn du einen Elfmeter verwertest, darfst du die Geschichte schreiben.“ Ich traf gegen Lukas Waltl. Es entstand dieser Bericht.

 

Der Tag, an dem ich Ivan Osim kennenlernte von Lukas Matzinger

An manchen Tag ist es mühselig, Teil von Sturm12.at zu sein. Viel zu wenige Redakteure haben viel zu wenig Zeit für viel zu viele Geschichten, in den Kommentaren und Foren werden wir regelrecht geprügelt und nach Altach kann auch wieder keiner fahren. Und dann gibt es Tage, die das alles wieder gut machen. Wie der Tag, an dem ich Ivan Osim kennenlernte.

Mit kleiner Verspätung betritt Ivan Osim am 11. September 2014 die Kantine des Trainingszentrums Messendorf. Der Mann, ohne den Sturm heute kein großer Verein wäre, kommt heute langsam, gebückt und von seiner Frau gestützt durch die Doppelglastür. Sein Haar ist schütter und seine Haut dünn geworden, doch seine Augen leuchten noch. Mir ist oben warm und unten kalt. Man steht nicht oft im Leben vor einer echten Legende.

Ivan Osim sieht einen nicht an, wenn er einem die Hand schüttelt. Eigentlich schüttelt er sie auch nicht, er legt seine kalte, trockene Hand einfach in die des Gegenübers. Danach bestellt er einen Kaffee und nimmt schließlich zwischen all den Pokalen, Schalen, Medaillen und Jubelbildern Platz, die ohne ihn hier nicht stehen würden. Die meisten der vorbereiteten Fragen wird er am Ende des Tages nicht beantwortet haben. Ivan Osim spricht, worüber er sprechen will. Er referiert über Edin Dzeko, den ersten Fußball seiner Kindheit, darüber, dass er kein Salz essen soll und immer wieder die Schrecken des Kriegs. Und wir hören. Man unterbricht Ivan Osim nicht.

Nach zwei Stunden ist das Gespräch beendet. Seine Frau wartet schon zu lange. Bescheiden verabschiedet sich der Größte und entschwindet langsam vom Trainingsgelände. Das ehrvolle Moment, das er hinterließ, werde ich noch lange spüren. Devot gehe ich an diesem Abend durch die Stadt. Tief berührt von einem Mann, der in jeder seiner Silben überlegen und in jeder seiner Gesten erhaben ist. Wie es nur Ivan Osim ist.